Die Geheimnisse der Black Box

Die Radioniker glauben, daß eine Haarlocke oder ein Tropfen Blut in einer besonderen Black Box zur Diagnose einer Erkrankung dienen kann - selbst wenn der Patient weit entfernt ist. Ist das Betrug oder eröffnen sich durch diese Methode neue Möglichkeiten in de Medizin? Was steckt dahinter?
   
Der englische Techniker George de la Warr aus Oxfordshire versuchte in den 40-Jahren des 20. Jahrhunderts, mit Hilfe von Haarnadeln seiner Frau die "Lebensstrahlung" des Universums zu messen. Von früh an hatte sich George Warr - das "de la" legte er sich erst später zu - für die Homöopathie als alternative Heilmethode interessiert.

Doch Geoge de la Warrs Haltung zur Homöopathie war zwiespältig. Er hatte für sich entschieden, daß die dem Therapiesystem zugrundeliegenden Theorien vollkommener Unsinn wären. Trotzdem gäbe es bemerkenswerte Heilungen physischer sowie psychischer Erkrankungen bei einer Reihe von Patienten, die auf eine Therapieform setzten, die Brian Inglis, ein Schriftsteller und Experte für viele Formen alternativer Medizin, als "Zauber der minimalen Dosis" bezeichnete.

Wenn aber die Homöopathie reiner Unsinn ist, so fragte sich de la Warr, warum gelang ihr gelegentlich eine erfolgreiche Heilung?
 

Das lag daran, so schlussfolgerte er, daß alle Lebewesen von einer vitalen Kraft durchströmt werden, die durch die homöopathische Methode des Verschreibens von Arzneien in Dosen, die so extram verdünnt sind, daß das vermeintliche verabreichte Medikamente nicht einmal durch eine chemische Analyse nachgewiesen werden kann, auf irgendeine Weise angeregt wird. Er beschloss, diese eventuell elektro-magnetische Kraft mit Hilfe einer Form des Wünschelrutengehens, die als Radiästhesie bekannt war, zu isolieren und zu messen. Dabei sucht der "Wünschelrutengänger" beispielsweise nach einem Mineral, indem er ein Pendel über eine Karte hält und sich dabei in Gedanken fragt: "Ist es Silber? Ist es Zinn?" und die Schwingungen des Pendels als Antwort auf seine Fragen interpretiert. Da man das gleiche Prinzip anwenden kann, wenn das Pendel über eine Reihe von Wörtern schwingt - das Wort, über dem es innehält, ist die Antwort - meinte da la Warr, man könnte es auch nutzen, um eine Krankheit zu diagnostizieren und eine entsprechende Heilmethode auszuwählen.

Die Radiästhesie schien de la Warr äußert vielvesprechend zu sein. Er befestigte Antennen, die er aus den Haarnadeln seiner Frau gefertigte hatte, an verschiedene Pflanzen, vom Sämling bis zum großen Baum, und verband diese mit einem Verstärker und dann mit einer Kathodenstrahlröhre. Er konnte jedoch keinerlei Signale von Pflanzen auffangen. Dieses negative Ergebnis war für ihn allerdings kein Grund zur Beunruhigung. Es scheint ihm nie in den Kopf gekommen zu sein, daß der Grund für dieses Ausbleiben von Signalen wahrscheinlich darin bestand, daß es einfach keine Signale gab. Statt dessen entschied er, daß die Lebensstrahlung doch nicht elektromagnetischer Natur sei, sondern wahrscheinlich mit der "elektronischen Reaktion Abrams" zusammenhing.


 
Der amerikanische Arzt Albert Abrams hatte gegen Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt, daß beim Abklopfen des Brustkorbes oder des Bauchraumes von Patienten, oft deutlich verschiedene Töne entstanden, die er als Hinweis auf unterschiedliche Erkrankungen interpretierte. Später stellte Abrams fest, daß er eine Krankheit an einem Tropfen Blut oder auch nur an einer Haarlocke erkennen konnte. Bekannt wurde er allerdings wegen seiner Black Box, die er zwischen 1900 und seinem Tod im Jahre 1924 in großen Stückzahlen herstellte und überaus erfolgreich vekaufte - er verstarb als Millionär.

Abrams Black Boxes sahen mit den Jahren immer beeindruckender aus, doch ihr grundlegender Aufbau blieb der gleiche. Außen am Kasten gab es eine Anzahl von Steuerknöpfen mit Gradeinteilungen, etwa so wie bei einem altmodischen Radio, dann noch Buchsen für Eingang und Ausgang und, bei späteren Modellen, ein start gedehntes Gummiband. Im Kasten (dene die Besitzer nicht öffnen sollten) fand sich eine erstaunliche Menge von elekronischen Bauteilen, die keinem erkennbarem Zweck dienten und planlos zusammengebaut schienen.

 
Ein Spiel mit Kästen

Später wurde Abrams ursprüngliche Methode vereinfacht: der Therapeut klopfte mit dem Finger auf das Gummiband, während er jeden Knopf einstellte, bis eine Reaktion - die sich als Knallge-räusch äußerte - eintrat. Der Skalenwet für das Geräusch wurde für jeden Knopf sorgfältig notiert, denn diese sollten sowohl Wesen der Erkrankung des Patienten als auch das entsprechende Heilmittel anzeigen. Mit einem weiteren schwarzen Kasten, Oscilloclast bezeichnet, wurden Heilstrahlen an entfernt lebende Patienten übermittelt. Das innenleben dieser Black Boxf war genauso kurios wie das des Diagnosegerätes.

Trotz der wenig überzeugenden "Elektronik" wurden Abrams Geräte von verschiedenen medizi-nischen Autoritäten ernsthaften Prüfungen unterzogen. Lord Horder, einer der Ärzte des englischen Königshauses, stellte sehr zu seiner Überraschung fest, daß er das Gerät bedienen
konnte und auch eine Art von Diagnose erhielt. Doch waren die erzielten Ergebnisse fast immer unbeständig - in der Tat schien ein Patient jede Minute an einer anderen Krankheit zu leiden.

 
In den 40er Jahren beschloss de la Warr, Abrams erfindung zu modernisieren und zu vereinfachen. Ohne Zweifel hat er das auch erreicht: Im Inneren der neu konstruierten Geräte gab es nun kein Drähte-Wirrwarr mehr wie bei Abrams - Die Kästen waren vollkommen leer.

Trotzdem gab es eine Art elektrischen Kreislauf. Von einem Gummiband, das dem von Abrams Kästen späterer Produktionen glich, führten Drähte zu Behältern für Blut oder andere Proben, von dort aus zu acht Reglerknöpfen und schließlich zurück zum Gummiband.

Der Kasten wurde wie folgt eingesetzt: De la Warr oder der Käufer des Kastens gab eine Blutprobe, eine Haar- oder Gewebeprobe in dene Behälter und strich dann mit dem Finger über das Gummiband, während er langsam den ersten Reglerknopf drehte. Sobald der Bediener beim Entlangstreifen des Bandes einen Widerstand spürte, hielt er inne und notierte den Skalenwert am Reglerknopf. Dieser Vorgang wurde dann für jeden der Knöpfe wiederholt. Die sich aus dieser Messung ergebende Zahl galt als äußert wichtig und ihre Bedeutung wurde auf Grundlage de la Warrs Bedienungshandbuchs "A Guide to Clinical Conditions (Ein Führer zu klinischen Erkrankungen)" bestimmt. Wie de la Warr auf die medizinische Relevanz dieser Zahlenreihen gekommen war, bleibt unklar. Möglicherweise durch eine Reihe von Versuch-Irrtum-Experimenten oder, was wahrscheinlicher ist, durch radiästhetisches Pendelschwingen.
   
Nach der Konstruktion dieser Black Box machte sich de la Warr an die Produktion eines gleichermaßen eindrucksvollen "radionischen Therapiekastens". Beide Geräte vekauften sich ausgeprochen gut, und 1956 hatte de la Warr bereits die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen und konnte auf eine überraschend große Anzahl von Schülern veweisen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte de la Warr auch eine "radionische Kamera" erfunden, die ebenfalls Käufer fand. Mit ihr wurden Bluttropfen und Gewebeproben im dunklen fotografiert. Die ent-wickelten Filme zeigten dann angeblich das vitale Kraftfeld, das die Probe umgab. Noch bemerkenswerter war die Behauptung, daß die radionische Kamera eine Art von Zeitreise ermögliche. De la Warr gab an, daß es ihm mit der Kamera gelungen war, seine eigene Hochzeit aufzunehmen, die über 20 Jahre zuvor stattgefunden hatte.
 
1960 war er durch seine quasi medizinische Privatpraxis und den Vekauf seiner Erfindungen zu einem reichen Mann geworden. Nach heutigen Maßstäben würde man sein jährliches Einkommen mit etwa 200 000 Pfund beziffern. Eine Zeitlang schien die Radionik die kommer-ziell erfolgreichste alternative Therapiemethode zu sein. Doch dann betrat die Nemesis, die Göttin der Vergeltung, die Bühne des Geschehens in Gestalt einer Catherine Phillips.
 
 
Peinliche Entdeckung
 
Ungeachtet des Spottes, den sich die Radionik über die Jahre zugezogen hat, erwies sie sich bei der Diagnose oft als erstaunliche präzise, manchmal sogar als ausgesprochen genau für den Patienten.

Einer der Kurse, die Albert Abrams über die Anwendung seiner Black Box hielt, endete mit einer peinlichen Entdeckung. Unter den Teilnehmern befans sich auch ein Arzt, der über Brustschmerzen klagte. Abrams rief ihn vor die Klasse und entnahm eine Blutprobe, die er in die Black Box legte - und er erhielt eine Diagnose auf Syphilis. Der Arzt brause auf: "Ist mir ganz egal, was ihre Maschine angibt. Ich hab´ nicht Syphilis, das können sie mir glauben." Doch vor den sprachlosen Zuhörern fuhr Abrams fort, daß er wirklich diese Krankheit hätte - und er von einem Mann angesteckt worden war. Schnell fügte Abrams noch hinzu: "Mediziner infizieren sich oft über die Hände". Abrams testete mit einer Elektrode der Black Box nacheinander alle Finger des Arztes und erhielt beim Mittelfinger der linken Hand, an dem sich eine kleine Narbe befand, eine Reaktion.

Der Skandal war noch nicht einmal abgewendet, als der Arzt sich erinnerte: "Ich habe mir einmal bei der Operation eines Mannes mit einer Nadel in dene Finger gestochen. Ich hätte nie gedacht..."
 
 
Alles Schwindel?
 
Catherine Phillips hatte als Anhängerin des la Warrs sowohl seine beiden Black Boxes als auch die radionische Kamera gekauft. Sie war damit jedoch unzufrieden und klagte de la Warr des Betrugs an, verlor jedoch den Prozess. Man war der Ansicht, daß keine betrügerische Absicht vorlag, denn de la Warr glaubte ganz offensichtlich an die Wirksamkeit seiner Erfindungen. Auf der anderen Seite brachte der Richter jedoch seine Zweifel zum Ausdruck, ob die Kästen auch wirklich so funktionierten, wie de la Warr behauptete - und er stellte klar, daß er die als Beweismittel aufgeführten radionischen Fotos für Fälschungen hielt, obwohl er keine erläuternden Bermerkungen zur Art der Fälschung machte.

In den neun Jahren nach der Gerichtsverhandlung war die Nachfrage nach de la Warrs radionischen Geräten immer weiter zurückgegangen. Trotzdem blieben ihm einige Anhänger treu. Nach de la Warrs Tod im Jahre 1969 führte seine Witwe seine Praxis fort und es gab immer wieder vereinzelt Berichte über "Wunderheilungen" durch Radionik. Doch wie ist das zu erklären?

Vielleicht spielt bei der Radionik ja der bekannte Placebo-Effekt eine Rolle - ein Patient wird geheilt, nicht wegen der einem Medikament inne-wohnenden Wirkung, sondern weil er an die Wirksamkeit der Behandlung glaubt. Denkbar wäre auch dass einige Anwender der Radionik - ohne es zu wissen - Geistheiler sind, die den Black Boxes die Heilung zuschreiben, obwohl der Verdienst eigentlich ihnen gebührt. Anderseits spielt vielleicht eine Kombination von Placebo-Effekt, Geistheilen und der Black Box selbst eine Rolle.