Der Fischer
 
James O’Hara fühlte sich schlecht an diesem Tag. Er hatte miserable Laune als er vom Kutter gestiegen war. Er hatte miserable Laune, als er mit leere Netzen dastand und nun, drei Stunden später hatte sich das kein bisschen geändert. Was war das für ein Leben fragte er sich. James hatte eine Frau und einen Sohn, sie wohnten alle gemeinsam in einem kleinen Haus an der Küste. Es war für sie alle eigentlich zu klein, aber es ging nun mal nicht anders. Zeit seines Lebens hatte James sein Geld mit der Fischerei verdient. Sein Vater war auch Fischer gewesen. Doch die Zeiten ändern sich, dachte sich James. Es war nicht wie früher. Die Küsten waren nur noch spärlich von Fischen besiedelt und es wurden beinahe zusehend weniger.

Die Flasche lag locker in seiner Hand, als James stark angetrunken vor seiner Haustüre stand. Er kramte in seiner Tasche nach dem Schlüssel, fluchte leise und fand ihn schließlich. Der Schlüssel klimperte und die Tür öffnete sich.

   
Die Gläser seiner Brille beschlugen, als er eintrat. Nur in der Küche brannte noch Licht. Ansonsten war es stockfinster. Er hatte gewaltige Kopfschmerzen. Ein Blick auf seine Uhr verriet James, dass es fast eine Stunde nach Mitternacht war."Wo bist du gewesen?", fragte plötzlich eine Stimme.

Sie gehörte seiner Frau Claudia. Sie saß in der Küche am Tisch und sah traurig aus. Dass es der Familie immer schlechter ging machte ihr sehr zu schaffen und deswegen hatte es auch schon oft Streit gegeben. James hielt es nicht für nötig zu antworten und stellte nur die Flasche, in der noch ein kleiner Rest Alkohols zu sehen war auf den Küchentisch. Er hasste so etwas. Nach einem ganz miesen Tag gab es für ihn nichts schlimmeres, als dass seine Frau bis spät nachts wartete, dass er aus der Kneipe heim kam, um ihm dann Vorwürfe zu machen. Jeden Tag arbeitete er von früh bis spät und tat sein Bestes, um die Situation zu verbessern. Erst jetzt bemerkte James, dass sein Sohn, der gerade sechs Jahre alt war in der Tür stand und ihn ansah. "Geh ins Bett, aber schnell!" Seine Aufforderung war energisch und ließ keinen Widerspruch zu. Der Junge verschwand sofort. "Schrei ihn nicht so an! Das habe ich dir auch schon mehrmals gesagt." Claudias Blick war tadelnd, aber zugleich verzweifelt. "Ich schreie meinen Sohn an wann ich will", sagte James nur um überhaupt etwas zu erwidern. "Du solltest anstatt immer zu trinken dich vielleicht um eine neue Arbeit kümmern." Ehe James wahrnahm was er getan hatte erschien auf Claudias Wange der Abdruck seiner rechten Hand. Er hatte so fest zugeschlagen, dass sie fast vom Stuhl gefallen wäre. Tief erschrocken und nach Worten suchend sah sie ihn an. Dann erhob sie sich und verschwand im Schlafzimmer.

Es herrschte Stille. James griff nach der Flasche und trank sie leer dann warf er sie einfach aus dem geöffneten Fenster. Wie war nur alles soweit gekommen, fragte er sich immer wieder, als ihm auch schon übel wurde und er sich seinen rebellierenden Magen hielt. Taumelnd bewegte er sich auf das Sofa zu. Dort angekommen, setzte er sich und nahm schon nichts mehr von seiner Umgebung war, bis er einige Herzschläge später einschlief.

 
Der nächste Morgen war kalt und grau. Als James aus dem Fenster sah wünschte er sich einfach zu Hause bleiben zu können. Seine Frau und sein Sohn waren bereits nicht mehr im Haus, was vielleicht auch besser so war. Wäre er ihnen begegnet, hätte er nicht gewusst was er sagen sollte. James empfand keine starke Reue wegen Gestern, das hatte er die letzten Male ebensowenig empfunden. Trotzdem wollte er sie nicht schlagen. Innerlich verfluchte er den Alkohol, den er jedoch regelmäßig brauchte, um seine Sorgen zu ertränken.

Auf dem Küchentisch lag kein Zettel, den seine Frau manchmal schrieb wenn sie irgendwo war, aber James suchte auch nicht lange nach einem. Kurz darauf verließ er das Haus und schloss ab. Das Meer war heute unruhig und ein starker Wind fegte über die Wellen. Allerdings wurde angekündigt, dass größere Fischschwärme in Küstennähe getrieben wurden durch starke Strömungen. Das wollte sich James auf keinen Fall entgehen lassen und wenn er Glück hatte konnte er heute endlich wieder seit Wochen einen großen Fang machen. Ein kleines Gefühl von Hoffnung und Glück, dass er fast nicht als solches erkannt hatte flackerte in seinem Innerste auf, als er sich auf den Weg machte.

 
Auf dem Kutter machte James einen kurzen Rundgang. Es war kein großes Schiff, es war eines, dass gerade von einem einzelnen Mann gesteuert werden konnte. Alles sah so aus, wie es sein sollte, bis auf die Tür zum kleinen und engen Laderaum war nicht abgeschlossen gewesen. James nahm sich vor aufmerksamer zu sein und legte schließlich ab.

Der Kutter beschleunigte und fuhr aufs Meer hinaus. Um nichts zu riskieren oder um nicht seinen großen Fang zu mildern, dachte sich James er könne ruhig etwas weiter raus fahren als sonst. Ein leichtes Unbehagen beschlich ihn, als dann seichter Nebel aufkam. Die angekündigten und stürmischen Wellen ließen ebenfalls nicht lange auf sich warten und hämmerten gegen den Bug, brachen und wurden schwächer.
Nun hielt es James für angebracht die Netze auszuwerfen. Er richtete ein kurzes Stoßgebet an denjenigen da oben, der dafür sorgen solle, dass er diesen Tag nicht ohne leere Hände beenden muss. Während er arbeitete wurde das Wetter langsam schlimmer. Wolken zogen sich nun so stark zusammen, dass es sehr dunkel wurde und ein eiskalter Regen setzte sein. Sein Gefühl sagte ihm, dass die Situation gefährlich wurde. James beeilte sich die Netze wieder einzuholen und konnte seinen Augen nicht trauen. So viele Fische hatte er in letzten Monaten nicht mehr fangen können. Er lud die gesamte zappelnde Fracht auf seinen Kutter, als eine starke Welle das Boot so heftig schwanken ließ, dass er hinfiel, sich den Kopf stieß und ein paar Augenblicke benommen auf dem Boden lag.

Als er sich dann erhob und wieder zu seinen Sinnen zurückgefunden hatte packte ihn die Angst. Das Unwetter hatte sich zu einem üblen Sturm entwickelt. James verlor keine Sekunde und stürmte in die Kajüte. Die Küstenwache zu rufen hielt er für die beste und einzige Möglichkeit, hier wieder heil herauszukommen. Er sprach einen Notruf in das kleine Gerät in seiner Hand und hoffte, dass es seine vorgesehene Adresse erreichen würde. Dann überlegte James was er noch tun konnte. Er eilte in die hinteren Teil des Bootes wo einige Materialien gelagert waren, unter anderem die Schwimmwesten. Dort angekommen, riss er die schmale Tür zu dem Metallschrank auf und etwas fiel im in die Arme. James fiel zu Boden und starrte direkt in die weißen Augen seiner Frau. Ihre schwarzen Haare lagen in seinem Gesicht und die leblosen Arme waren ausgebreitet. Claudias Gesichtsausdruck war starr und ausdruckslos.

Völlig gelähmt lag James unter der Leiche seiner Frau und erinnerte sich schlagartig an die gestrige Nacht, wie jemand er einen Traum vergessen hatte und nun etwas fand, das darin eine Rolle spielte. Seine Frau war noch einmal zu ihm gekommen, um nach ihm zu sehen. James fühlte sich so schlecht wie noch nie und hatte mit dem ersten Gegenstand nach ihr Geschlagen, den er finden konnte. Was es war wusste er nicht mehr und auch nicht, was danach geschehen war. Was allerdings noch viel schlimmer war, war die Tatsache dass sein kleiner Sohn ebenfalls in dem Schrank war. Halb lehnte er an der Rückwand mit dem selben aschfahlen Gesicht wie seine Mutter. James war mit dieser Situation und der Erkenntnis seine Familie umgebracht zu haben zu erschüttert, dass er zu keiner Bewegung im Stande war.

Auf einmal umspülte Wasser seinen Kopf und James spürte seine Glieder wieder. Sein Atem war so schnell, dass er glaubte sein Herz müsse versagen. Der Kahn lag schief und Claudia rollte von seinem Körper und blieb an der Wand liegen. James warf einen Blick zurück, doch der Raum begann sich bereits mit Wasser zu füllen. Der Kutter war nahezu überladen für so einen Sturm und war hecklastig geworden. Mit aller Kraft versuchte James die Tür zu erreichen, um zu entkommen. Er hatte seine Brille bereits verloren und sah nur leicht verschwommen. Kurz vor der Tür stoppte er und versuchte den Grund dafür zu erkennen. Er fühlte eine Hand an seinem Knöchel, die ihn daran hinderte seinen Weg fortzusetzen. Hielt ihn jemand fest? Da war niemand! James kämpfte mit der Angst, als er erneut davor war seine Besinnung zu verlieren.

James fiel, denn er konnte sich nicht mehr vor den Wassermassen retten. Der Raum füllte sich und seine Kraft ließ nach. Irgendwann mussten doch die Küstenwache kommen und ihn retten, waren seine Gedanken, kurz bevor der Raum sich vollends mit Wasser gefüllt hatte. Die Luft wurde nun seinen Lungen entzogen und sein ganzer Körper schrie nach Sauerstoff. James fühlte sich als hätte er Tausend Nadeln eingeatmet und wurde hilflos von den Wassermassen in den Raum gedrückt. Irgendwann kämpfte er nicht mehr dagegen an und ließ sich treiben. Ein dumpfes Gefühl kam in seinem Gehirn an, das ihm die Berührung eines Gegenstandes meldete. James glaubte ein Licht zu sehen und noch etwas anderes. War das ein Taucher? Er hielt ihm etwas entgegen und James schrie innerlich vor Glück, als er nach dem Luftschlauch griff. Mit letzter Kraft steckte er ihn in den Mund und atmete den süßen Sauerstoff ein.

Owen Hardigen von der Küstenwache stand am Strand. Der Sturm hatte sich gelegt und sein Resultat waren drei gesunkene Schiffe. Einer der schwersten Stürme, die diese Küste je gesehen hatte. Vor ihm knieten Rettungssanitäter und sahen sich die Menschen an, die sie vorhin aus dem Meer gefischt hatten. "Und wie sieht es aus? Wie viele haben Sie herausholen können?", fragte Owen den Sanitäter. Dieser stand auf und schüttelte den Kopf. "Zwei Leichen." Owen sah zu Boden. Eine schwarzhaarige Frau lag dort im Sand. Ihr Arm war weit von ihr gestreckt. Dort lag der zweite Tote. Der ältere Mann war zusammengekrümmt und hatte den Daumen der Toten im Mund.