Poltergeist stört Gräber
 
Wenn wir schon nicht um den irdischen Tod herumkommen können, so wüschen wir uns doch eine Grab-stätte, die uns die letzte Ruhe sichert.

Und doch: Eine reiche Familie auf der kleinen, rund 430 Quadratkilometer großen Antillen-Insel Barbados hatte bei der Wahl ihrer letzen "Ruhe" jedoch zu Beginn des letzten Jahrhunderts einen offensichtlich falschen Ort gewählt. Hier in Barbados ereigneten sich einige des seltsamsten, da gut dokumentierten, Poltergeistes - Erscheinungen der Geschichte der Parawissenschaften.

   
Es begann, als die wohlhabende Familie Walrounds eine in den Fels eingeschlagene, trapezförmige Gruft auf dem Friedhof "Christ Church" erwarb, in der im Jahr 1807 Thomasina Goddard, eine Bekannte der Walrounds, beigesetzt wurde. Ein Jahr später ging die Gruft in den Besitz der Familie Chase über. Am 22. Februar 1808 wurde M. A. M. Chase und am 6. Juli 1812 Dorcas Chase, beides Töchter der Familie, in der Gruft zu Grabe getragen. Man legte sie in schweren Bleisärgen in der Felskammer nieder, wie gewöhnlich.
Doch ebenfalls 1812, am 9. August, sollte der verstorbene Familienvater Thomas Chase in der Gruft bestattet werden. Man öffnete die bis dahin verschlossene Felsengruft und fand die beiden Särge der Chase-Töchter aufrecht hingestellt vor. Die Überraschung war groß: mit dem Kopfende am Boden standen sie da. Niemand aber schien hier eingedrungen zu sein, es gab keine Spuren und keine Beschädigungen. Niemand dachte sonderlich über den Vorfall nach, die Särge wurden geordnet und Thomas Chase friedlich beigesetzt.

   

Die Zeit verging. Doch am 25. September 1816 starb S. B. Ames, einen Freund der Familie. Auch er sollte in der Grabstätte beigesetzt werden, und auch bei dieser Zeremonie erschraken die Anwesenden: Die Särge waren mit grober Gewalt durcheinander gestellt worden. Mr. Thomas Chase Sag stand gar senkrecht an einer der Wände. Was ging hier vor? Die Gerüchteküche begann zu brodeln. Acht Wochen später, am 17. November 1816, kam es erneut zu einem tragischen Todesfall. Samuel Brewster musste beigesetzt werden. Ganz zur Freude der Einwohner, denn es versammelten sich einige Schaulustige, um die Öffnung der seit September fest versiegelten Gruft zu beobachten. Sie wurden nicht enttäuscht, denn wieder hat der Poltergeist die Bleisärge der Familie wie Streichholzschachteln verstellt.

Anno 1819: Inzwischen lagen sechs Särge in dem Gewölbe. Der Gouverneur von Barbados, Lord Combermere, ordnete an, dass die Gruft genaueren Untersuchungen unterzogen werden sollte. Der Gouverneur sorgte dafür, dass die Gruft von einer massiven Platte aus blauem Devonshire-Marmor, die nur von vier Männern bewegt werden konnte, verschlossen wurde. Er ließ es sich auch nicht nehmen, die Gruft eigenhändig zu versiegeln. Die Särge wurden jedoch zuvor in einer exakt aufgezeichneten Lage positioniert, so dass jede noch so kleine Änderung mit der Skizze verglichen werden konnte.


 
Seltsame Laute aus der Gruft
Im April 1819, die Familiengruft wurde fast ständig von Neugierigen beobachtet, meldete man Lord Combermere, dass aus der Gruft seltsame Laute kommen würden. Umgehend wurde die Öffnung der Grabstätte veranlasst. Und es bot sich erneut ein erschreckender Anblick: Die Särge waren durcheinander, aber niemand konnte in die Gruft eingedrungen sein, denn das Siegel war unversehrt. Man stand vor einem Rätsel.

Um dem unheimlichen Geist auf die Schliche zu kommen, wurde am 17. Juli 1819 in der gesamten Gruft, nachdem die Särge natürlich wieder ordentlich aufgestellt worden waren, Sand ausgestreut, um Fußspuren sichtbar zu machen. Die Marmorplatte reichte auch nicht mehr, der Eingang wurde vermauert. Rund ein Jahr später, am 18. April 1820, wurde von Pfarrer Orderson, Major Finch, Richter Lucas, die als Zeugen geladen waren, die vermeintliche Ruhestätte von Lord Combermere wieder einmal geöffnet. Jeder Stein der Mauer am Eingang war ohne die kleinste Beschädigung, niemand konnte eingedrungen sein. Und doch waren alle Särge wieder verstellt; einige lehnten gar von innen an der Mauer. Der Sand war vollkommen unberührt. Ein Chaos ohne jede Erklärung.

 
Nach weiteren Untersuchungen - auch Polizei und andere Ordnungshüter hatten sich unlängst eingeschaltet - öffnete man 1826 die Chase-Gruft wieder einmal. Da sich auch diesmal das leider schon gewohnte Bild der Verwüstung und Unordnung bot, wurden auf Anweisung des Gouverneurs die sechs Särge diesmal einzeln auf dem Hoch der Kirche beigesetzt. Man wollte der Familie ihre verdiente Ruhe gönnen.

Bis heute weiß niemand, was hier geschehen ist. Es wurden keine zusätzlichen Eingänge gefunden, kein Schleichweg führte in die Gruft. Einige meinten, es waren Sklaven, die sich wegen unmenschlicher Behandlungen durch die Familie rächen wollten, andere meinten einfach, es war ein Geist. Die sehr intensiven Vernehmungen und Nachforschungen der Polizei brachten nicht einen kleinen Hinweis. Auch waren alle anderen Gräber des Friedhofes unberührt. Bis heute steht die Felsengruft leer. Würde der Poltergeist auch heute noch zuschlagen?