Tombstone - Die US- Westernstadt
 

"Hier haust eine dunkle Energie" - In der US-Westernstadt Tombstone werden Geister mit Digitalkameras und Laserthermometern gejagt.

"Haben wir alles?" fragt Anne Martin ihren Mann Hank. Hank geht auf den dem Küchentisch des kleinen Hotelzimmers noch einmal die Ausrüstung durch: Kasset-tenrecorder, Videorecorder, Bewegungsmelder, Temperaturmesser, Foto-apparate. Es ist as Rüstzeug der "Arizona Desert Ghost Hunters", mit dem Hank (51) und Anne (44) heute Nacht in einem der verruchtesten Orte des Wilden Westens auf Geisterjagd gehen wollen: dem "Bird Cage"-Saloon in der Western-stadt Tombstone. Hier zockte der legendäre Doc Holliday die Nächte durch, hier lernte die Westernlegende Wyatt Earp, angeblich in den gardinenverhangenen Vergnügungslogen, seine dritte Frau Sadie Marcus kennen.

Es ist eine kühle Nacht in der Wüstenstadt unweit der mexikanischen Grenze. Die

   

Allen Street, auf der tagsüber für die vielen Touristen Kutschfahrten und Westernduelle veranstaltet werden, liegt still im gelben Licht der Straßenlaternen. Direkt vor dem Bird Cage Theatre flackert die Straßenlampe kurz auf und erlischt, nur um Minuten später erneut aufzu-leuchten. "Hier drin haust eine dunkle Energie", sagt Tierza Jacobs (31), als sie durch die Fenster des Saloons linst. Sie ist eine Wahrsagerin aus Oregon, die als Gast der Geisterjäger dabei ist. Auch die Geisterjäger selbst zählen zwei "Medien" zu ihrem Team: Debbie Bennet (42), dreifache Mutter und Heilerin der Tohono-O´Odham-Indianer, und Anita Korbal (49) eine Seherin aus Chicago. "Wir unterscheiden zwischen Gespenstern und Seelen", erklärt Debbie, die nach eigenen Angaben auch mit bloßen Augen hin und wieder Verstorbene sieht. "Seelen sind sanfte Besucher, Gespenster erdverbundene Wesen, die den Übergang in die nächste Welt noch nicht völlig vollzogen haben. Sie stecken fest." Die drängende Frage, ob wir den Geist Wyatt Earps zu sehen bekommen werden, sagt sie: "Ja, wenn er sich zeigen möchte. Wesen, die auf unsere Fotos auftauchen, tun das, weil sie sich bemerkbar machen."


 
Der Ort scheint wie geschaffen zur Geisterjagd. Tombstone heißt Grabstein - den Namen bekam das Städtchen, das in seinen besten Zeiten 15 000 Einwohner zählte, als die Silberschürfer Ed Schieffelin gewarnt wurde, er werde bei seinen Exkursionen durch Apachenland höchstens seinen Grabstein finden. 1877 eröffnete das Bird Cage Thearte seine Pforten. In den folgenden neun Jahren galt das Etablissement, wie die "New York Times" 1882 schrieb, als "wildeste, wüsteste Bar zwischen New Orleans und San Francisco". 140 Einschusslöcher zieren die Wände, Decken und Böden des Bird Cage, mehr als zwei Dutzend Menschen fanden im Kugelhagel den Tod. Und einige dieser Seelen, so geht die Sage in Tombstone, spuken heute noch im Bird Cage Theatre. Diese wollen die Geisterjäger nun mit High-Tech-Geräten einfangen - als Lichtspuren, Stimmen oder geisterhafte Erscheinungen. Bill Hunley, der heutige Besitzer des Bird Cage, das inzwischen ein Museum ist, öffnet heute Abend eigens für die Geisterjagd - und der 38jährige hat seine eigenen Spukgeschichten zu erzählen. "Die Leute aus Tombstone haben hier immer wieder Gläserklirren, Klavierspiel oder Schritte schwerer Stiefel vernommen. Obwohl der Theater-Saloon zwischen 1889 und 1934 geschlossen und mit Brettern vernagelt war", sagt er. Vor ein paar Jahren sei hier eine Hübsche Touristin mit sehr kurzen Shorts von einer unsichtbaren Hand in den Po gekniffen worden. Und sein Vater habe bei einer Séance in den sechziger Jahren plötzlich das Gefühl bekommen, gewürgt zu werden. Freilich erzählt Hunley diese Geschichten seit 28 Jahre täglich, und lägst sind Tatsachen, Gerüchte und Phantasie zu bunter Folklore verschmolzen.
Inzwischen haben die Geisterjäger ihre Apparaturen aufgestellt. Bill Hunley macht das Licht aus, Anne und Debbie halten ihre Kameras ins Dunkel und knipsen los. Mit lauten Rufen versuchen sie, die gestrandeten Seelen hervorzulocken. "Los, Mädels, zeigt euch mal mit euren schicken Kleidern! Wir wissen, dass ihr hier seid. Hey, Jungs, hier findet die Party statt. Hat jemand Lust auf eine Runde Whiskey?" Es ist eine überraschend weltliche, mysterumsfreie Geisterbeschwörung.

 
Unterdessen streift Tierza still durch die Räume - durch den großen Saal mit der Bühne und den "Hurenlogen", durch die Hinterbühne und eine versteckte Treppe hinab in den Keller mit dem Pokertisch auf dem nackten Sandböden. Schließlich nimmt sie hinter der Bühne auf dem Holzboden Platz und sagt still: "Hier ist etwas Furchtbares geschehen. Menschen, Kinder sind hier verkauft worden." Sie deutet in eine Ecke: "Da hinten herrscht Angst." Hank richtet den Laserpunkt seines Temperaturmessers in die Ecke und staunt - es ist dort fast vier Grad kühler als im übrigen Raum. Plötzlich scheint ein Frösteln durchs Zimmer zu gehen. Oder ist es nur die Gänsehaut, die einem hier im Dunkel über den Rücken läuft?

Debbie, Anne und Hank sind seid zweieinhalb Jahren gemeinsam auf Geisterjagd. Auf einem "Geister-Sightseeing" im Nord-Arizona haben sie sich kennen gelernt, seither sind die drei aus Phoenix in ihrer Freizeit als Geisterjäger unterwegs, sammeln Tausende von Fotos, Film- und Tonaufnahmen und archivieren sie. Immer wieder werden sie von Menschen angerufen, die über seltsame Phänomene besorgt sind. Sobald sie sich versichert haben, "dass es sich bei den Anrufern um stabile Persönlichkeiten handelt", wie Anne sagt, rücken die Geisterjäger aus - um Leuten, die um ihren Verstand fürchten, "Aktivität" zu bestätigen. Oder um die Örtlichkeiten vom Spuk zu "reinigen" - mit Hilfe von Gebeten, Weihwasser und Salbei-Räucherungen. Weihrauch? Die meisten Menschen, zu denen sie gerufen werden, erklärt Anne, seien Katholiken.

 
Bisweilen, wie im Haus einer Frau, die über zahlreiche verschwundene Gegenstände klagte, ermittelten die Geisterjäger bloß menschliche Aktivität. Wie sich herausstellte, war ein Bekannter der Dieb. Doch es gibt auch andere Fälle. Im Phoenixer Restaurant "Teeter House" etwa, dessen Betreiberin Lynne Behringer berichtet, Geisterhände versteckten ihre Schlüssel und würfen Regale durch die Küche, wurden sie fündig: Eines ihrer Fotos zeigt das geisterhafte Bild einer alten Dame an einem Tisch. Behringer vermutet, dass es die einzige Besitzerin Eliza Teeter ist. In Phoenix gibt es mehrere Spuk-Orte - zum Beispiel die Chandler High School, wo Lehrer und Schüler über geisterhafte Stimmen und seltsame Erscheinungen berichten. Oder den Jefferson Park, wo angeblich eine Frau, die dort vergewaltigt und ermordet wurde, nachts zwischen den Bäumen umherstreift. Auch hier sind die Geisterjäger unterwegs, um "Aktivitäten" zu messen und nach Möglichkeit zu dokumentieren. "Es geht uns darum, stichhaltige Information darüber zu sammeln, dass wir ewig existieren", erklärt Debbie die Motivation der "Desert Ghosthunters". Und sie fügt an: "Man ist nie allein. Die Schutzengel sind immer da." Im Theaterraum des Bird Cage wird Anne plötzlich ganz aufgeregt. "Debbie, warst du das?" fragt Anne. Doch Debbie ist meterweit entfernt. "Irgend etwas hat an meinen Haaren gezogen", sagt Anne und ruft ins Dunkel: "Danke! Zeig dich noch mal!" Doch der Haarezieper scheut einen zweiten Auftritt.

 
Später finden Anne und Debbie auch im Pokerzimmer Spuren von Geisteraktivität: Über den Monitor der Videokamera, die auf Nachtsichtfunktion läuft, zieht im Abstand von einigen Sekunden einen grüner Punkt, wie eine Bildstörung. Nur dass er sich in unterschiedlichen Richtungen und Mustern bewegt. Anne ist begeistert: Ein "Orb", eine kugelförmige Energieform.
Und dann gelingt Debbie noch ein wirklich unheimliches Bild: Der Torso der männlichen Puppe, die hinter dem Pokertisch aufgestellt ist, schwebt auf einer Aufnahme losgelöst an einer ganz anderen Stelle im Zimmer. Skeptiker würden vielleicht von Fehlbelichtung sprechen, aber Debbie blickt nur still auf den Monitor. "Interessant", sagt sie.

Vor ein paar Monaten haben die Geisterjäger ihre Digitalaufnahmen zur Untersuchung bei einem Computerspezialisten des örtlichen TV-Nachrichtensenders Channel 3 gegeben. "Er bestätigte, dass unsere Belichtungszeiten konstant sind und wir keine Doppelaufnahmen gemacht haben", sagt Anne.

Tierza und Anita horchen unterdessen nach innen. Als Debbie eine unsichtbare Gestalt bezirzt: "Was für eine schönes blaues Kleid!", hört Anita eine ärgerliche Korrektur: Das Kleid sei rot! Und Tierza sieht einen großen, schlanken Mann, der sich über sie beugt und sie bittet, den gefangenen Seelen in der Ecke zu helfen. Wenig später erkennt sie ihn auf einem der vielen Fotos im Keller wieder. Dann zeigt sie auf das Bild einer Frau und sagt: "Sie ist auch hier." Bill Hunley sagt, dies sei eine Dirne gewesen, die eine andere mit einem Messer erstach.
Gegen ein Uhr früh ist die "Untersuchung" abgeschlossen. Unter der flackernden Straßenlampe vorm Bird Cage ist man sich einig: Allzu viel Aktivität hat man hier nicht einfangen können. Es gab kein Türenknallen oder Stühlerücken, die Bewegungsmelder haben nicht ausgeschlagen. Und die Tonaufnahmen sind vermutlich wegen zu vieler Störgeräusche unbrauchbar. Also doch alles nur Hokuspokus? Debbie sagt, es ginge ihr nicht darum, Skeptiker zu überzeugen. "Wer nicht daran glaubt, wird sich eh nicht überzeugen lassen."

 

Touristenziel
Die Westernstadt Tombstone liegt im Süden Arizonas (USA) nahe der mexikanischen Grenze. 1877 wurde sie von Silberschürfern gegründet. Sie hatte in ihren größten Zeiten 15000 Einwohner, heute sind es noch 1600 Menschen. Sie war Schauplatz diverser berühmter Schießereien. Wyatt Earp (1848 - 1929) war einer der bekanntesten Revolverhelden. Nach verschiedenen erfolglosen Versuchen in anderen Berufen war er 1880 mit seinen Brüdern nach Tombstone gekommen, um dort eine Machtstellung aufzubauen. Earps Bruder Virgil Earp wurde Deputy-Marshal, Wyatt Earp betrieb Saloons, Spielhallen und das "Bird Cage Theatre".
Als am 31.März 1881 bei Tombstone eine Postkutsche überfallen, 80 000 Dollar erbeutet und zwei Menschen erschossen wurden, verdächtigten sich die Earps und der rivalisierende Clan der Clantons gegenseitig. Der Streit endete schließlich in dem berühmten "Gunfight at the O. K.-Corral" am 26.Oktober 1881. Heute werden in Tombstone diese und andere Schießereien als tägliche Touristenattraktionen unter Einsatz von vielen Platzpatronen nachgestellt.


Bei der Schießerei von 1881 mit Wyatt Earp
kamen dessen Rivale Billy Clanton und zwei von dessen Brüdern ums Leben.

 
Vorbilder
In den USA hatten in den fünfziger und sechziger Jahren Fernsehserien wie "Twilight Zone" oder "Outer Limits - Die unbekannte Dimension" großen Erfolg, in denen es um Geistererscheinungen, Telepathie und Paranormales ging. Die Pointen von "Twilight Zone" waren oft doppelbödig, manchmal makaber. Die Einführung des Autors am Beginn jeder Folge wurde zum Markenzeichen. 1983 kam der Spielfilm "Unheimliche Schattenlichter" ins Kino, der auf der Serie basierte. Diese wurde 1985 neu aufgelegt. In den Neunzigern erlebte die Schwarzweiß-Serie von 1959 eine Renaissance in Programmkinos und auf Fantasy-Filmfestivals.

Etwa zur gleichen Zeit kam die kanadische Mystery-Fernseheserie "PSI Factor - Es geschieht jeden Tag" heraus. Ein Team von Wissenschaftlern und Experten Untersuchte paranormale Phänomene - die Fälle basierten angeblich auf Tatsachen und wurden ebenfalls von einem Moderator kommentiert.

Die US-Serie "Akte X - Die unheimlichen Fälle des FBI" (1993 - 2002) brachte als Krimiserie Elemente aus Science-Fiction, Fantasy, Mystery und Comedy zusammen. Seit David Lynchs Serie "Twin Peaks" sind "Mystery"-Filme endgültig Kult. Heute sind sie optisch sehr am Kino orientiert - so auch die Serien "Buffy - Im Bann der Dämonen" und "Alias".

In Deutschland ist schon seit den siebziger Jahren der Serienroman-Held "John Sinclair" beliebt. Die Gruselgeschichten um den Geisterjäger erschienen in mehr als 300 Millionen Romanheften und -büchern im Bastei-Lübbbe-Verlag, wurden übersetzt und als Hörspiele inszeniert.

Auszug aus "Die Welt" vom 02.Januar 2006