Das Schlachthaus
 
Das Bild was Du jetzt vor Augen hast, wenn Du an das Wort "Schlachthaus" denkst, hatte Sylvia die gleichen Gedanken, als sie gefragt wurde, eine Spuk-Untersuchung an einem Ort durchzuführen, der das Schlachthaus genannt wurde und in der Bucht von San Francisco lag. Sylvia hat deshalb dankend abgelehnt und sofort den Hörer aufgelegt. Der Anrufer versuchte es allerdings abermals und erklärte sogleich, dass das Schlachthaus eine hübsche, bescheidene Residenz sei, die leider einen unglücklichen Spitznamen hätte. Das Ehepaar, das dort lebte, wurde von einer unerklärlichen Präsenz terrorisiert und hatte große Angst, zu Schaden zu kommen. Warum ziehen sie nicht einfach von da weg? Fragte Sylvia. Die Antwort lautete, dass sie es sich nicht leisten können. Im Laufe der Voruntersuchungen sollte zu erst einmal geklärt werden, woher der Name "Schlachthaus" kam. Durch Recherchen erhielt Sylvia die Antwort, dass es in diesem Haus, fünf oder sechs Besitzer zurück, einen Mord gegeben haben soll, oder einen Doppelmord oder wenigstens Gerüchte über einen Mord.
 
Das Ehepaar, das in dem Haus lebte, war ernsthaft daran interessiert, der ganzen Sache auf den Grund zu gehen. Das Haus war wie beschrieben, wirklich schlicht und unauffällig, genauso, wie man es versichert hatte, und seine Besitzer, waren so herzlich und "normal", wie sie es nur sein konnten. Sylvia und die Besitzer des Hauses saßen ein paar Minuten im Vorderzimmer zusammen, damit sie erzählen konnten, was sie bislang alles durchgemacht hatten. Neben den herkömmlichen unerklärbaren Geräuschen, Schritten und kalten Stellen sowie dem gelegentlichen Erscheinen schrecklicher Gesichter im Fenster hätte Sylvia ihre größte Sorge ebenso beunruhigt.

 
Sie würden beide häufig mitten in der Nacht aufwachen, weil ein Mann sich über das Bett beugt, erzählt die Frau. Er hat diesen wilden, verrückten Blick puren Hasses in seinen Augen, als ob er aus sich sei, sie und ihren Mann zusammen anzutreffen. Einmal habe er sogar die Frau am Arm gepackt. Sie fühle immer noch seine Hand auf ihrer Haut, sie war erstaunlich stark und eiskalt gewesen. Ihr Mann sah, wie er das tat, und konnte es nicht verhindern. Der Mann schaute Sylvia einen Augenblick lang an, als wollte er in ihrem Gesicht etwas ablesen.

 
Kein Hellseher ist länger in dem Haus geblieben wie es Sylvia schon war. In dem Raum wo sie sich jetzt befanden, konnte sie versichern, sei nicht außergewöhnliches. Sie gingen in die Küche. Dort war auch nichts. Dann in das kleine Speisezimmer. Ebenfalls nichts. Im Flur schließlich stieß Sylvia plötzlich ohne Vorwarnung auf eine kalte Stelle. Es war nicht einfach nur irgendeine kalte Stelle. Diese hier ging direkt bis in die Knochen. Sie konnte ihren Atem sehen, und es war Mitte Juni in einem Haus ohne Klimaanlage. Offenbar spielten die Geräte um sie herum verrückt, denn einer der Techniker kam besorgt herein. Sie schickte ihn wieder weg und ging den Flur herunter, bis sie am Schlafzimmer angekommen war. Bei jedem Spuk gibt es keinen zentralen Kern, von dem alle paranormalen Aktivitäten ausgehen. In diesem Fall lag das Zentrum im Schlafzimmer.

Kaum hatte sie das Schlafzimmer betreten, spürte sie eine hochkonzentrierte Energie, die sich wie ein Kraftfeld anfühlte. Sie ging zum Bett und setzte sich. Sie war so fokussiert auf das, was sie tat, dass sie die Menschen und Geräte und den Lärm um sie herum vergaß. Sie spürte nur, wie ihr Herz schlug, mehr vor Spannung als aus Angst, als ihr bewusst wurde, dass eine starke, zutiefst gestörte Präsenz sich ihr näherte. Zuerst sah sie ihn außerhalb des Fensters. Er schaute zu ihr herein, nicht sicher, ob er sich freute, sie zu sehen oder nicht. Er war sehr ansehnlich und hatte volles schwarzes Haar. Sie schaute ihm in die Augen und hielt den Blickkontakt, um ihm zu verstehen zu geben, dass sie ihn sah und er sie nicht verängstigen und wegscheuchen konnte. Dann sagte sie einfach nur: "Kommen sie herein." Plötzlich stand er vor ihr, größer und breiter, als sie erst dachte. Er hielt eine Sense mit einem groben Holzgriff. Ihre lange, halbmondförmige Sichel sah alt und gebraucht aus, war aber immer noch scharf genug, um Schaden anzurichten. Sie reagierte absichtlich nicht auf die Sense, sondern hielt weiterhin Blickkontakt mit ihm. Entweder respektierte er sie deswegen, oder er war einflach nur erleichtert, dass nach langer, langer Zeit jemand nicht voller Angst zurückschreckte. Er nickte kurz, beinahe höflich. "Mein Name ist Giovanni", stellte er sich vor. Sylvia wollte wissen was Giovanni hier macht.

 
Er sprach mit einer klaren, traurigen Stimme: "Ich bin traurig, weil meine Frau fort ist." In diesem Moment, als diese Worte aus seinem Mund kamen, durchflutete Sylvia - weniger als einer Sekunde, wie es ihr schien - ein Schnelldurchlauf von Bildern. Ein anderes Bett stand in diesem Raum. Ein dunkelhaariger Mann lag im Bett, nicht Giovanni, aber ihm ähnlich. Eine dunkelhaarige Frau lag neben ihm. Beide schliefen fest. Und dann trat Giovanni, mit kalten seelenlosen Augen, lautlos ans Bett, die Sense in seiner Hand, hoch ausholend über seinem Kopf.

Sie war sich sicher, dass man ihr nichts anmerkte, sie schaute Giovanni weiterhin direkt an. "Giovanni, haben sie jemanden getötet?" Er fing an zu weinen und sprach, so gut er konnte, während er laut schluchzte. "Es war falsch, was mein Bruder Anthony getan hat. Ich habe Maria aus Italien hierher geholt, damit sie meine Frau wird. Als ich draußen in der Hitze auf dem Feld gearbeitet habe, haben die beiden hier miteinander geschlafen. Ich habe es sie büßen lassen, was sie Giovanni angetan haben." Was haben sie getan, nachdem sie die beiden getötet haben?
Wollte Sylvia wissen. "Ich bin weggelaufen. Ich habe mich lange in den Bergen versteckt, dann bin ich sehr krank geworden und fühlte mich sehr heiß, und dann erinnere ich mich an nichts mehr. Mit anderen Worten, lief er in seinem blutverschmierten Kleidung weg und verschwand in den kalt-feuchten, winterlichen Bergen in der Nähe der Bucht und starb, ohne es zu bemerke, an einer Lungenentzündung. Sylvia erklärte ihm das er sich auf der Erde selbst gefangen hielt und versicherte ihm, dass es nun Zeit sei, ins Licht zu gehen, sodass er Frieden finden könne. Er schüttelte beschämt und ängstlich den Kopf. "Ich kann Gott nicht gegenübertreten. Er wird mir niemals vergeben."

"Giovanni, es gibt keinen Gott, der niemals vergibt. Unser Gott liebt alle, weiß alles, vergibt alles und nimmt jeden auf, der seine Arme nach ihm ausstreckt." Er schaute sie an und ließ die Wort in sich hineinsinken.

 
Sie verbrachte fast zwei stunden damit, Giovanni alles zu erklären. Sie erinnerte ihn daran, dass er sich nur dadurch, dass er weiterging, von der Hölle der Schuld befreien konnte, in der er sich selbst gefangen hielt. Bestenfalls würde er im Jenseits auf seine Frau und seinen Bruder treffen und aus erster Hand erfahren, dass sie ihm schon längst vergeben haben. Schlimmstenfalls würde Giovanni sofort wieder zu Erde in eine Gebärmutter zurückkehren und ein Leben der Wiedergutmachung führen für die Leben, die er ausgelöscht hatte. Beide Möglichkeiten bedeuteten Weiterentwicklung und wären ein Schritt, um ihn von der schrecklichen Last zu befreien, die er mit sich herumtrug. Schließlich, nicht ganz ohne Widerstreben, erklärte sich Giovanni damit einverstanden zu gehen. Er schaute sie an, und nickte ihr versichernd zu und sagte: "Ich will hoffen, dass sie Recht haben." Kaum hatte er das gesagt, war er auch schon verschwunden.