Drury Lane - Der Mann in Grau
 
Oft gelten Theater als von Gespenstern heimgesucht. Das Londoner Königliche Theater, das Drury Lane, beansprucht in dieser Hinsicht den ersten Rang der Welt. Erbaut im Jahre 1663, wenn auch später verändert und zum großen Teil umgebaut, hat dieses Theater nicht nur drei Jahrhunderte Bühnengeschichte, sondern auch eine große Zahl übersinnlicher Phänomene erlebt. Sieben verschiedenen Phantome wurden hier beobachtet.

Eines von ihnen ist ein hilfreicher Geist, der sich auf Komödien zu verstehen scheint. Als die amerikanische Schauspielerin Bett jo Jones in den fünfziger Jahren am Drury Lane die komische Rolle der Ado Annie in Oklahoma spielte, machte sie sich Sorgen, weil niemand über sie lachte. Eines Abends spürte sie plötzlich 2 kräftige Hände auf ihren Schultern, die sie zum vorderen Teil der Bühne drängten. Die Hände korrigierten dann sanft ihre Armbewegungen und sogar die Neigung ihres Kopfes. All dies geschah, während sie ihre Zeilen deklamierte - die zum ersten mal Heiterkeit hervorriefen.

Bei einer anderen Gelegenheit stand die junge Sängerin Doreen Duke nervös auf der Bühne und wartete darauf für eine Rolle in The King and I probesingen zu dürfen. Als sie an der Reihe war, merkte sie, wie ihr jemand freundlich auf die Schulter klopfte. Dann ergriff eine unsichtbare Hand ihre und führte sie in die Mitte der Bühne. Während des ganzen Lieds wurde ihre Hand gehalten und sie berichtete später, daß sie trotz aller Unheimlichkeit des Gefühls merkwürdig selbstbewusst war. Sie erhielt die Rolle.

   
Der inzwischen verstorbene W.J. "Popie" McQueen Pope,ein Kritiker und Theaterhistoriker, der viele Jahre eng mit dem Drury Lane verbunden war, wies auf die mögliche Identität deses zuvorkommenden Geistes hin. Es musste sich um eine freundliche Seele handeln, die Experte für Komödien, Regie und Gesang war. Nach McQueen Popes Ansicht konnte es nur der Schemen Joe Grimaldis sein, des im 19. Jahrhundert beliebten Clowns, desse Güte gegenüber seinen Kollegen schon zu Lebzeiten legendär gewesen war.

McQueen Pope selber war oft beim Erscheinen des berühmten Phantoms von Drury Lane, des Mannes in Grau, zugegen. Manche Parapsychologen glauben sogar, daß Popie unbewusst als Katalysator für den Geist diente.

Der Mann in Grau ist in der jüngsten Vergangenheit nicht gesichtet worden, aber über mehr also 200 Jahre hinweg - vom frühen 18. - bis in etwa der Mitte des 20. Jahrhunderts - hatte er zahlreiche Auftritte. Theaterbesucher und Schauspieler waren Zeuge, wie er aus einer Mauer an der Seite des zweiten Ranges auftauchte, hinter den Sitzen vorbeiging und in der Mauer an der gegenüberliegenden Seite verschwand. Die Gestalt ist von überdurchschnittler Größe, hat ein kräftiges, gut geschnittenes Gesicht und trägt einen langen grauen Umhang, einen Säbel, Reitstiefel, eine gepuderte Perücke und einen Dreispitz. Der Mann spricht nie, macht nicht das geringste Geräusch und scheint die ihn Umgebenden nicht zu bemerken. Wenn ihm eine Person den Weg versperrt, scheint er sich aufzulösen und dann in einiger Entfernung auf der anderen Seite des Störenfrieds wieder aufzutauchen.

   

Die Gestalt ist nie identifiziert worden. Doch kurz vor 1850 ergab sich ein Anhaltspunkt. Während strukturelle Veränderungen am Theater vorgenommen wurden, entdeckten einige Arbeiter einen Alkoven (Kleine Schlafnische) hinter der Mauer, aus der der Geist hevorkam. In dem Alkoven fanden sie das Skelett eines Mannes mit einem Dolch zwischen den Rippen. Ein paar schwarzgefärbte Stoffstücke klebten noch an den Knochen, verfielen aber zu Staub, als sie berührt wurden.

Das Skelett wurde entfernt, eine gerichtliche Untersuchung Angestellt und ein Spruch ohne Nennung des Täters gefällt. Man hat geäußert - allerdings ohne jedes Beweismaterial, daß der Körper einem Opfer von Christopher Rick gehört haben könnte, der als "Bad Man of Uld Drury" bekannt war und das Theater während der Regierungszeit von Königin Anne leitete. Rick war für seine Unbeherschtheit berüchtigt; er könnet den Mann ermordet und dann im Theater eingemauert haben. Da er das Gebäude dauernd verändern ließ, würde diese zusätzliche Maurerarbeit kein Verdacht erregen.


 
Nach der gerichtlichen Untersuchung wurde dem Skelett des anonymen Mannes ein Armenbegräbnis auf einem nahegelegenen Friedhof gegeben. Wenn die Theorie stimmt, daß das Begräbnis in geweihter Erde einer ruhelosen Seele frieden bringt, war mit neuen Auftritten des mannes in Grau nicht mehr zu rechnen. Wenn jedoch die Theorie zutrifft, daß ein Spuk nichts mit einer Seele zu tun, sondern ein bewegliches, auf einer Szene zurückgelassenes Bild ist, gab es keinen Grund für den Mann in Grau, seine Besuche nicht fortzusetzen. Er setzte sie fort.

von der Mitte der dreißiger Jahre bis zu McQueen Popes Tod im jahre 1960 wurden seine Auftritte immer häufiger. Während diese zeit erschien er oft Besuchern, denen die Historiker das Theater zeigte. Wenn diese Leute die Gestalt tatsächlich sahen, wurde ihre Vision dann auf irgendeine Weise durch die Popies stimuliert?
 
Wir wissen daß Menschen in ihren Fähigkeiten, übersinnliche Phänomene wahrzunehmen, variieren und vielleicht auch in ihrer Fähigkeit, Erscheinungen für andere zu projizieren. McQueen kann in beiden Hinsichten ungewöhnlich begabt gewesen sein. was erklären mag, wie er den Geist fast zum Erscheinen auffordern konnte. Viele Menschen hatten den Geist jedoch vorher auch ohne Popies Anwesenheit und vor seiner Zeit gesehen. Er hat den Geist gewiss nicht hervorgebracht. Aber doch scheint er seine Auftritte irgendwie angeregt zu haben.