Exorzismus - Die Hölle ist ein Zustand
- Interview mit Pater Pedro Barrajón

   

Pater Pedro Barrajón leitet in Rom einen Kurs für angehende Exorzisten. Ein Gespräch über die Macht des Teufels, reine Geister und die Position des Papstes. Interview geführt von Paul Badde.

 
Kurz nach seiner Wahl begrüßte Benedikt XVI. eine große Gruppe von Exorzisten. War das ein Signal?
Nein, das war nur ein routinemäßiges Treffen der Exorzisten Italiens. Die Lehre der katholischen Kirche zum Bösen ist seit Jahrhunderten unverändert.

Was lehrt sie?
Sie basiert in erster Linie auf der Bibel, nach der Gott alle Wesen geschaffen hat: die Menschen ebenso wie die reinen Geister, also auch die Engel und Dämonen..

Gott hat die Dämonen erschaffen?
Er hat alles geschaffen. Nach christlicher Tradition sind Dämonen und Teufel gefallene Engel. Es sind Engel, die gegen Gott revoltiert haben und weiter rebellieren seit Beginn der Schöpfung.

Wie müssen wir uns die reinen Geister vorstellen?
Sie haben Willen. Sie haben Intelligenz. Aber sie haben keine Sinne. Sie haben keinen Körper. Körper sind allein Attribute des Menschen und der Tiere.

Ein Merkmal dämonischer Besessenheit sehen Theologen in der Fähigkeit, die Schwerkraft zu überwinden: Szene ausWilliam Friedkins
"Der Exorzist" (1973) mit Linda Blair,Max von Sydow und Jason Miller

 
Wie konnte Gott das Böse dann überhaupt je zulassen?
Unserer Freiheit zuliebe! Das Böse ist notwendig an das Geschenk der Freiheit geknüpft. Gott hat den Menschen frei geschaffen. In der Abwägung zwischen der Zulassung des Bösen und er Gabe der Freiheit hat er sich für die Freiheit entschieden. Ohne die Möglichkeit der freien Wahl zum Guten oder Bösen gibt es keine Freiheit. Das heißt: Gott schätzt die Freiheit höher als all unsere Sünden. Tiere sind nie böse - sie sind aber auch nie frei. Mit der Freiheit hat Gott uns über die Tiere erhoben.

Nach dem Glauben der Christen ist Gott eine Person. Sind das Böse und der Teufel auch Personen?
Der Schweizer Theologe Karl Barth sagte, der Dämon ist eine unpersönlicher Person. Denn was ist eine Person? Es ist ein Wesen mit einer spirituellen Natur, mit Intelligenz und Willen, in der die Intelligenz die Wahrheit sucht und der Wille das Gute. Der Dämon hat Intelligenz und Willen, doch sein Wille sucht das Böse und seine Intelligenz das Unwahre. In diesem Sinn sagt Karl Barth, der Teufel sei eine persönliche Nichtperson, er nennt sie "das Nichtige".

Hat er ein Gesicht?
Professor Pedro Barrajón: Nein. Aber Gott kann zulassen, dass Engel wie Dämonen physische Erscheinungsweisen annehmen. So können Engel den Menschen erscheinen, um ihnen Botschaften zu überbringen. Und so kann Gott auch zulassen, dass Dämonen physische Qualitäten annehmen und in der Weise von Menschen oder Tieren erscheinen - das betrifft aber nicht ihr Wesen. Sie können diese Formen nur annehmen. Sie haben sie nicht.

Haben sie Geruch?
Von einigen Heiligen wird berichtet, dass sie Teufel riechen konnten - wie die große Teresa von Avila. Der Satan stank für sie.

 

Nach Schwefel?
Manche Heilige sagen das so. Es ist wohl vor allem nur widerlicher Gestank.

Was ist die Heimat der Dämonen? Die Hölle?
Ja. Die Hölle wurde für sie geschaffen, nicht für die Menschen.

Auch die Hölle wurde erschaffen?
Ja. Die Engel wurden ja geschaffen, folglich auch gefallene Engel, folglich auch die Hölle. Es ist keine Selbstschöpfung. Es ist der Zustand, in dem die Dämonen zu sich selbst finden: in ihrem Hass gegen Gott. Es ist der Zustand der Negation* der Liebe. Gott ist die Liebe. Hölle ist die Gegenliebe - es ist der Hass. Hölle ist eine Vorstellung vom Zustand dieses Geistes. Hölle ist der Zustand des ewigen Nichtliebens. Es ist auch das ewige Nichtannehmen der Liebe Gottes.


Bild Links: Pater Pedro Barrajón L.C., Jahrgang 1957, lehrt am päpstlichen Athenäum "Regina Apostolorum" Theologie und Philosophie. Für das Institut "Sacerdos" leitet er dort in diesem Wintersemester zum zweiten Mal einen Kurs zu Aspekten der Teufelsbesessenheit.

 
Gibt es objektive Kriterien zur Erkenntnis, dass ein Dämon von jemanden Besitz ergriffen hat?
Der neue Ritus des Exorzismus fasst die Kriterien für den Fall der Besessenheit sehr klar zusammen. Das Deutlichste ist für mich als Priester die tiefe Aversion** gegen heilige Objekte, wie das Kreuz, der Rosenkranz oder Kreuzzeichen. Auch die Aversion gegen das Wort Gottes, bei deren Lektüre solche Personen ganz nervös werden. Weniger wichtige Kennzeichen sind übernatürliche Fähigkeiten, die diese Person plötzlich entwickeln können. Dass sie Fremdsprachen sprechen, die sie nie gelernt haben. Dass sie sogar levitieren***: das sie schweben und Schwerkraft überwinden können. Manchmal werden sie unerklärlich stark und gewalttätig. Es ist jedoch nicht so einfach, Fälle von Besessenheit genau zu bestimmen. Ich lade die Person immer zuerst ein, einen Nervenarzt oder Psychiater aufzusuchen, bevor ich mich weiter mit ihrem Fall befassen will. Wenn ich von diesen Fachleuten den Hinweis bekomme, dass sie nicht weiterwissen, kann ich mit einer spirituellen Behandlung beginnen. Groß lässt sich sagen, dass unter zehn Personen, die um einen Exorzismus nachfragen, ein Fall wirklich Besessenheit dabei ist.

Paul Badde: Gibt es Gründe für Besessenheit?
Wir kennen sie nicht. Wir können auch nicht sagen, warum ein Mensch Krebs bekommt und der andere nicht. Wir haben auch keine Erklärung dafür. Wir wissen nur, dass Gottes Macht und Liebe größer ist - bei unseren physischen wie spirituellen Krankheiten. So muss die Besessenheit gesehen werden.

Wie verläuft ein Exorzismus?
Die Kirche verlangt von dem Priester, der eine solche "Austreibung" durchführt, zuerst de moralische Gewissheit, dass es sich um Besessenheit handelt. Absolute Sicherheit gibt es ja nicht. Darum ist es für einen Exorzisten höchst bedeutsam, dass er ein Mann des Gebets und des Fasten ist.

Paul Badde: Und dann?
Der Exorzismus ist ein großes offizielles Gebet, in der die Kraft der Kirche gegenwärtig ist, Das ist der Kern. Manchmal wird Weihwasser dazu benötigt oder Weihrauch, und immer ein Kruzifix in den Händen des Priesters. Mehrere Personen sollen außer dem Priester dabeisein für den Fall, das der Besessene gewalttätig wird. Die Menschen verändern sich nämlich in der Teufelsaustreibung. Sie bleiben dabei nicht mehr die gleichen. In diesem Ritus gibt sich der Dämon zu erkennen angesichts der Gegenwart Gottes und mehrerer Menschen, die gemeinsam beten. Oft wird er gewalttätig, weil er weiß, dass er in gewisser Weise schon überwunden ist. Die Stimme eines Besessenen ändert sich dabei normalerweise und wird sehr unangenehm.

Auch erschreckend?
Überhaupt nicht. Mir tut in solchen Momenten immer nur der Mensch leid, der besessen ist. Denn er leidet - und du siehst, dass er leidet. Doch zur gleichen Zeit bist du froh, weil du weißt, dass der Exorzismus ihn von dieser Pein befreien wird. Jeder Exorzismus beginnt mit einer Aufrufung des dreifaltigen Gottes: Des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Daran schließt sich eine Lektüre von Abschnitten aus der Bibel an, bevor eine Art Dialog zwischen dem Exorzisten und der besessenen Person beginnt, worin der Exorzist nach dem Namen des Dämons fragt. Das ist immer ein schwieriger Moment. Das Böse will sich nie offenbaren. Oft lügt er.

Warum will er seinen Namen nicht preisgeben?
Der Name enthüllt sein Wesen. Franz Rosenzweig sagte einmal, der Name sei nicht "Schall und Rauch", sondern "Wort und Feuer". Der Name Jesus bedeutet "Gott rettet". Isaak, Jakob, all diese Namen haben eine besondere Bedeutung. Und immer enthüllt er das Wesen der Person. Wenn ich meinen Namen nenne, sagte ich auch: Ich bin hier. Kein Dämon will jemals seinen Namen nennen.

Und wenn er ihn genannt hat?
Am Ende sagt der Priester zu dem Dämon: Geh weg! Verschwinde! Meistens antwortet der Dämon zuerst: Nein. Ich will nicht, Er Rebelliert und revoltiert. Manchmal sagt er: Du hast keine Macht über mich. Nach und nach lässt sein Widerstand nach. Meistens geschieht dies nach Anrufungen der Gottesmutter, die dafür sehr wichtig ist. Kein Dämon wagt jemals, sie in einem Exorzismus zu beleidigen. Nie.

Hat er vor Maria mehr Respekt als vor Gott selbst?
Offensichtlich. Sonst werden alle beleidigt: die Priester, alle, die zugegen sind, die Bischöfe, der Papst, sogar Jesus Christus, doch nie die Jungfrau Maria. Es ist ein Mysterium.

Und dann?
Nun, ein Exorzismus kann bis zu einer Stunde dauern - und schließt mit Gebeten ab. Es empfiehlt sich, ihn nicht zu lange dauern zu lassen, weil dieser Kampf für alle Anwesenden sehr schwer und anstrengend ist - auch für die Person selbst. Nach dem Exorzismus fühlen alle eine große Erleichterung, als könnten sie neu atmen. Doch in vielen Fällen wird auch ein neuer Exorzisten notwendig. Ich kenn Fälle, bei denen Personen erst nach mehreren Exorzismen völlig frei wurden und ein neues Leben beginnen konnten. Oft sagen sie, dass es für sie wie eine Neu-Geburt sei.

Nun gibt es auch soviel Böses in der Welt. Sehen Sie sich all die Kriege an, all die Massaker, die Tyrannen und Mörder. Ist es da nicht eigenartig, dass der Teufel auch noch mit einzelnen armen Menschen sein Spiel treibt und sich ihrer bemächtigt? Hat er nichts Besseres zu tun: Schlimmeres? Ist er nicht schon beschäftigt genug?
Das ist wirklich ein Geheimnis. Fälle von Besessenheit scheinen mir wie die böse Kehrseite ebenfalls unerklärlicher Wunder, die wir auch beobachten können. Der Teufel ist überall gegenwärtig, wo Böses innerhalb der normalen Naturgesetze geschieht. In jedem, der sagt, ich akzeptiere die Liebe nicht, die Liebe zu meinen Brüdern und Schwestern, die Liebe zu Gott. Also an sehr vielen Orten, in allen Massakern, in jedem Mord, in physischen Katastrophen, in jedem Konzen-trationslager, in jedem Bösen. Manchmal manifestiert**** er sich merkwürdigerweise aber auch in Fällen von Besessenheit. Sehr viel gefährlicher ist er aber, wo er sich nicht zu erkennen gibt und nicht mit einem Exorzismus vertreiben lässt.

Erläuterung:
Negation = Verneinung, Ablehnung; **Aversion = (lat.), die, Abneigung, Widerwille; ***levitieren = sich erheben [lassen], frei schweben [lassen]; ****manifestiert = offenbaren (Manifestation = Offenbarung, Kundgebung)

Auszug aus "Die Welt"