Der Fall Anneliese Michel - Todesfalle Kirche

   

Als die 23jährige Anneliese Michel aus Klingenberg am Main im unterfränkischen Landkreis Miltenberg am 1. Juli 1976 starb, wog sie nur noch 31 kg. Zuletzt verweigerte sie die Nahrungsaufnahme. Als die Tragödie öffentlich wurden, fragten sich viele: Hätte sie verhindert werden können? Und: Welcher Zusammenhang besteht zwi-schen ihrem Tod und dem offiziellen römisch-katholischen Exorzismus nach dem Rituale Romanum von 1614, der kurz zuvor 67 mal an ihr durchgeführt wurde? Der Würzburger Bischof Josef Stangl hatte die Teufelsaustre-ibung an der Pädagogikstudentin in der von Papst Pius XII. 1954 erweiterten Form des Rituale Romanum zuvor genehmigt. Doch was als “Gottes“ Hilfe gedacht war, hat offensichtlich alles nur noch schlimmer gemacht. Der römisch-katholische Glaube des Mädchens und der späteren jungen Frau war für sie letztlich die Sackgasse, aus der kein Weg zurück ins Leben mehr möglich war. Dass hier womöglich nur die Spitze eines Eisbergs sichtbar wurde, deutet der Exorzismus-Experte Pater Adolf Rodewyk an, der im Auftrag der römisch-katholischen Kirche auch die Teufelsaustreibungen in Klingenberg prüfte und diese nicht beanstandete. "Sie können annehmen, dass es immer Fälle von Besessenheit gibt. Sie kommen wenig in die Öffentlichkeit, aber es läuft immer was." (Main-Echo, 7.4.1978), so der Jesuit Rodewyk. Und auf die Frage, ob es auch schon ähnliche Fälle mit töd-lichem Ausgang gegeben habe, antwortete der Exorzist: "Ja, natürlich."

 
Der Evangelische Theologe und Exorzismus-Forscher Uwe Wolff nannte sein Buch zum Thema: “Das bricht dem Bischof das Kreuz – Die letzte Teufelsaustreibung in Deutschland 1975/76” (1). Doch ist dem Bischof tatsächlich – im übertragenen Sinn – das Kreuz gebrochen? Kurze Zeit später (1979) ist Bischof Josef Stangl gestorben, doch weder er noch die römisch-katholische Kirche wurden bis heute für den Tod der jungen Frau zur Verantwortung gezogen. Die nachfolgende Untersuchung zeigt jedoch auf, warum Anneliese Michels römisch-katholischer Glaube und ihre Bindung an die römisch-katholische Kirche für sie zur Todesfalle werden mussten.

 

Index

» Annelieses seelische Traumatisierung
» “Du bist verdammt! Du bist verdammt! Du bist verdammt”
» Die “Muttergottes” und die Schlange
» Selbstanklagen
» Das Exorzismus-Ritual
» Die “Dämonen” wollen nicht in die Hölle
» Anneliese Michel - ein Opfer des Dogmas der ewigen Verdammnis?
» Der katholische Exorzismus hat mit Jesus nichts zu tun
» Religion des Todes
» Umdeutung zur Heiligenlegende
» Das Ergebnis der Obduktion
» Die Lüge des Bischofs und die Folgen


 
Annelieses seelische Traumatisierung
Anneliese Michel wird am 21.9.1952 in Leiblfing bei Straubing in Niederbayern in der Heimat ihrer Mutter geboren (Ein Foto auf www.anneliese-michel.de.ms zeigt sie als junge Studentin). Sie entstammt einem streng katholischen Elternhaus und Milieu am bayerischen Untermain. Anders als die meisten ihrer Altersgenossinnen geht sie als Jugendliche mehrmals wöchentlich zur Messe, betet Rosenkränze und versucht, noch mehr als das zu tun, was die Kirche von ihren Gläubigen verlangt. So schläft sie z. B. zur Sühne für Rauschgiftsüchtige, die sie am Aschaffenburger Hauptbahnhof beobachtet hat, selbst im Winter manchmal auf dem Fußboden. Doch gleiten dem Mädchen auch die Zügel seines eigenen Lebens mehr und mehr aus der Hand. Im Jahr 1968 beißt sie sich z. B. bei einem Krampfanfall in die eigene Zunge. Ein Neurologe diagnostiziert eine Epilepsie vom Typ Grand Mal, wogegen sie erstmals anti-epileptische Mittel erhält. Doch diese helfen nicht gegen eine religiöse Gedanken- und Bilderwelt, die sich immer mächtiger in ihr aufbaut und die Anneliese immer weniger kontrollieren kann. So erscheinen ihr beim Rosenkranzgebet Teufelsfratzen, die sie schließlich bis zu ihrem Tod quälen und verfolgen. Auch hört sie Stimmen, die ihr vorhersagen, sie werde in der ewigen Verdammnis landen, in der nach römisch-katholischer Lehre z. B. alle Menschen enden, welche wesentliche Glaubenslehren der katholischen Kirche nicht befürworten oder auch nur "beharrlich" daran zweifeln.

An ihrem Todestag, dem 1.7.1976, ordnet der Staatsanwalt eine Obduktion der Leiche an, bei welcher die Ärzte zu dem Ergebnis kommen: “Annelieses Leben wäre zu retten gewesen, wenn man die Kranke vor den krankmachenden Faktoren ihrer Umwelt abgeschirmt hätte” (zitiert bei Wolff, S. 15).

”Du bist verdammt! Du bist verdammt! Du bist verdammt!”
Doch Anneliese gelingt es nicht, sich aus ihrem streng dogmatischen Umfeld zu befreien – im Gegenteil: in ihren schwersten Krisen lässt sie sich nahezu hilflos in das Milieu hineinfallen, in dem die maßgeblichen Wurzeln der Tragödie liegen. Der erste Exorzismus begann neun Monate vor ihrem Tod. Und in ihren letzten Lebenstagen wirkt sie zudem selbstzerstörerisch und selbstverstümmelnd an ihrem Tod mit.

Während der Exorzismen kommen zunächst verstärkt die ungelösten Kindheits- und Jugendprobleme von Anneliese Michel zum Vorschein. Ein Beispiel: Jeden Morgen um 6 Uhr wurde sie als Kind zur Frühmesse geweckt. "Die Oma hat sie in die Kirche hineingeschleift. Sie war sechs Jahre alt. Die Oma hat sie fast jeden Tag vom Bett herausgezogen”, sagt einer der “Dämonen” durch Anneliese im Jahr 1975 (S. 53 f.). Die Bauersfrau Barbara Weigand (1858-1943) aus dem benachbarten Rück-Schippach, die jeden Morgen zu Fuß in die Aschaffenburger Kapuzinerkirche ging, um die Hostie zu empfangen, jeden Tag fünf Stunden hin und fünf Stunden zurück, gilt in der Familie als Vorbild. Doch was hat sich dabei in dem kleinen Mädchen, das trotz seiner Bereitschaft zum Kirchgang natürlich auch gerne ausgeschlafen hätte, innerlich aufgebaut? Anneliese wagt vieles im Laufe ihres kurzen Lebens nicht selbst auszusprechen, was dann später die “Dämonen” durch sie umso heftiger zum Ausdruck bringen.

Anneliese will zeitlebens ein “liebes” und gehorsames Kind sein. Sie kümmert sich oftmals rührend um andere Familienmitglieder und fügt sich ein in alle vorgegebenen Traditionen und Gebräuche. So wurde beispielsweise der 13. eines Monats in der Familie als Tag der Jungfrau von Fatima in Ehren gehalten. “Das ist ihr Scheiß-Tag”, so jedoch ein “Dämon” aus Anneliese über den 13.10.1975 im Hinblick auf die Jungfrau von Fatima (S. 46). In der Ich-Form hätte Anneliese Michel niemals solches zu sagen gewagt.

Schon früh glaubt Anneliese, eine Verfluchung wäre der Grund, dass ihr so zugesetzt würde. Eine Frau hätte diesen Fluch bei ihrer Geburt über sie ausgesprochen. Diese Vorstellung trägt wohl auch dazu bei, dass sie viele ihrer Gedanken, Gefühle und Empfindungen nicht wirklich zulässt und als ihre eigenen annimmt. Dann hätte sie daraus wahrscheinlich andere Schlussfolgerungen für ihr Leben ziehen können als die angebliche Wirksamkeit einer Verfluchung. So aber begleitet sie das Gefühl der Verworfenheit und Verdammnis, seitdem in ihrer Pubertät wie bei jedem Jugendlichen Gefühle verrückt gespielt haben und normalerweise auch rebellische Gefühle gegen die Welt der Erwachsenen auftreten. Von sich selbst sagt Anneliese Michel, dass sie etwa seit ihrem 13. Lebensjahr besessen gewesen sei, also zeitweise nicht mehr in der Lage, ihr Leben durch ihr Oberbewusstsein eigenverantwortlich kontrollieren zu können. In einem Brief an Pfarrer Ernst Alt, einen der beiden Exorzisten, schreibt sie z. B. im Jahr 1974: ”Ich heulte oft abends für mich ... Von Gott fühlte ich mich irgendwie total verlassen. Damals war ich schon ziemlich umsessen [Anmerkung: ”Umsessen” sein kann als eine sinnvolle Umschreibung für eine Vorstufe zu einer denkbaren ”Besessenheit” verstanden werden. In diesem Stadium spürt der Betroffene bereits die Nähe als ”fremd” erlebter Mächte, wird aber noch nicht von ihnen beherrscht]. Ich wollte mich immer umbringen. Dortmals hatte ich höllische Angst, wahnsinnig zu werden vor Verzweiflung ... ” (S. 91). Offenbar hat hier der nicht eingestandene Widerstand gegen die katholischen Normen ihrer Kindheit bereits angefangen sich zu verselbstständigen. Und dass der strenge katholische Gott ihrer Kindheit ihr nicht dabei hilft, ihre eigene ”Mitte“ zu finden und ein glücklicher junger Mensch zu werden, ergibt sich zwangsläufig daraus, dass dieser kirchliche Gott weder für Zweifel an ihm Verständnis hat noch für Sünden aus jugendlichem Übermut.

Zeichen dieser ”Umsessenheit” sind z. B. längere gedankliche Abwesenheiten. Diese hat ein Betroffener unter Umständen durch über Jahre hinweg immer wieder praktizierte gedankliche Fluchten in eine Phantasie- und Bilderwelt selbst verursacht. Und das ist im Extremfall eine Vorstufe zu einer Persönlichkeitsspaltung. Denn die Gedanken bzw. die Aufmerksamkeit des Menschen, der sich immer wieder in bildhafte Traumwelten flüchtet, befinden sich dann ja nicht bei seinem Körper und im Geschehen der Gegenwart, sondern in der selbst geschaffenen Bilderwelt. Und wie würde dann aus einer Umsessenheit eine Besessenheit? Dazu folgende Überlegung: Wenn ein Mensch immer häufiger gedanklich seinen Körper verlässt und in eine Phantasiewelt abtaucht, könnte es dann nicht sein, dass sich andere Kräfte mit der Zeit dieses Körpers bemächtigen können? Denn der Körper ist ja ”frei”, wenn die Seele des Menschen, die ihn normalerweise durchdringt, diesen verlassen hat, um gedanklich eben der Wirklichkeit zu entfliehen. Damit könnte man erklären, dass ”Besessenheit” – vorausgesetzt, dass es sie gibt – einen Menschen nicht aus heiterem Himmel überfällt, sondern als langfristige Folge eigenen Verhaltens.

Nachweisbar ist, dass Anneliese Michel irgendwann nicht mehr in der Lage ist, die Abwesenheiten mit dem Oberbewusstsein zu kontrollieren und zu beenden. Dies könnte der Beginn der ”Besessenheit” gewesen sein. Bei Anneliese Michel geht es in der Anfangszeit schon so weit, dass sich dann z. B. Stimme, Gesichtsausdruck, Körperhaltung und Körpergeruch extrem veränderten. Die Stimme wird tief bzw. gellend und ein anderes ”Ich” beginnt zu reden. Die Augen bekommen einen bedrohlichen Glanz, der ganze Körper wird steif und beginnt, äußerst unangenehm zu riechen, begleitet von heftigen Schweißausbrüchen. Und die Hände formen sich krallenartig. Doch warum passiert dies bei einzelnen Menschen? Bei anderen aber nicht? Worin bestanden Annelieses Probleme?


Die ”Muttergottes” und die Schlange
Wie alle junge Mädchen interessiert sich Anneliese Michel als Jugendliche z. B. für die aktuelle Hitparade oder für Mode. Ein Beispiel: Dass sie wie andere junge Frauen Hosen tragen darf, vor allem im Winter, wenn es draußen kälter ist, wird ihr von den Eltern nicht erlaubt. Anstatt entweder den Konflikt durchzustehen oder den Eltern bewusst nachzugeben, flieht Anneliese harmoniebedürftig in eine angebliche Marieneingebung. Ihre Mutter erzählt: “Da hat die Muttergottes mit ihr gesprochen und hat gesagt, sie sollte keine Hosen tragen, da wär man wie ein Mann und sie möchte das nicht haben. Da hat Anneliese keine mehr angezogen" (S. 69). So wird also das Problem durch eine angebliche Einsprache Marias “gelöst“, und bereits hier ist es nicht mehr das Mädchen Anneliese, das selber entscheidet. Als kirchlich ergebenes Kind gehorcht sie dieser Einsprache und schafft auch so die Voraussetzung für weitere fremde Einflüsse auf ihre Person. Und in einigen Jahren werden noch ganz andere Instanzen auf diese Weise mit Anneliese sprechen als eine der Mode widersprechende “Muttergottes“.

In einem Gespräch äußert sie im Jahr 1975: ”Ich hatte oft Angst, die eigentlich unbegründet war, und war deshalb oft schweißgebadet. Ich hatte schon immer dunkle Vorahnungen und musste schon damals an Neujahr oder meinem Geburtstag weinen, da ich immer Schlimmes auf mich zukommen sah“ (S. 191). Doch was eine massive Warnung hätte sein können, innezuhalten und die Botschaft der Angst und Ahnungen verstehen und manches rechtzeitig wenden zu können, wird nicht als solche verstanden. Und so bahnt sich tatsächlich von Tag zu Tag mehr ein schweres Schicksal an. Die höllische Drohbotschaft der katholischen Kirche an Sünder, Zweifler und mögliche Abtrünnige steckte dabei wie ein giftiger Pfahl in der Seele des Mädchens. Und dieser Umstand verhindert wohl, dass Anneliese Michel auch andere Seiten an sich entdeckt und nicht immer nur das “Idealbild“ aus ihrem Oberbewusstsein, eine ergebene junge Katholikin sein zu wollen.

Einmal während der Abiturprüfung kann Anneliese keinen klaren Gedanken mehr fassen. Stattdessen hört sie in ihrem Inneren in ständiger Wiederholung: ”Du bist verdammt! Du bist verdammt! Du bist verdammt!” (S. 97) Als ihr Freund Peter Himsel, der später im selben katholischen Studentenwohnheim in Würzburg wohnt wie sie (im Ferdinandeum in der Schlörstraße 2), im Rückblick nach dem Warum fragt, bezichtigt sich Anneliese ohne Selbstbewusstsein selbst: “Ich hätte mehr beten müssen. Ich bin selbst daran mitschuldig” (S. 190). Anneliese beklagt aber nicht, Warnungen verdrängt zu haben oder wichtige Hinweise aus ihrem Alltag, sondern sie klagt sich einmal mehr an, die katholischen Normen zu verfehlen. Und nach dem Besuch eines Nervenarztes notiert dieser: ”Sie habe keine Entscheidungskraft” (S. 99). Anneliese nennt sich selbst ”Schlange”. Und zu einer Bekannten sagt sie: ”Wenn Sie wüssten, was ich alles gegen Gott getan habe! Ich kann nicht beichten. Wenn Sie wüssten, was ich für eine bin, was ich für eine Schuldige bin!” (S. 116)

Selbstanklagen
Hier ist sie nahe daran, das ”Versteckspiel“ aufzugeben und sich zu ihren Gedanken-Bildern, geheimen Wünschen oder vielleicht verborgenen Taten zu bekennen, was eine große Chance für einen verantwortlichen Umgang damit hätte sein können. "Wenn Sie wüssten", worum es sich dabei handelt, so Anneliese Michels Worte zu der Bekannten. Nahe liegend ist der Bereich der Sexualität, wie z. B. die Selbstbezeichnung “Schlange” vermuten lässt. Wurden etwa immer wieder verdrängte sexuelle Wünsche mit der Zeit heftiger? Das wäre immerhin die logische Folge einer Verdrängung. Nach der katholischen Lehre verführt die Schlange – als Symbol für Luzifer – die Frau, die anschließend den Mann verführt. In der biblischen Sündenfallgeschichte, auf die sich die katholische Kirche beruft, steckt auch viel sexuelle Symbolik, z. B. in 1. Mose 3, 7, wenn es heißt, “... sie [Adam und Eva] wurden gewahr, dass sie nackt waren”. Deshalb gilt die Schlange auch als Ur-Bild der sexuellen Verführung. Und später wird “Luzifer”, die personifizierte “Schlange”, einer der “Dämonen” sein, der aus Anneliese spricht. Und es mutet wie eine makabre Fortsetzung der biblischen Geschichte an, wenn Anneliese sich unter seinem Einfluss oftmals gezwungen sieht, sich vor anderen nackt auszuziehen – eine Spätfolge vielleicht auch von immer brutalerer Selbstkasteiung. Ebenfalls unter dem Einfluss dieses “Dämons“ nimmt sie empfindungsgemäß auch einzelne sexuelle Verfehlungen von Klingenberger Bürgern am Rande des Volksfestplatzes wahr, während sie selbst sich aber in einiger räumlicher Entfernung in ihrer Wohnung aufhält.

Vielleicht spielen bei Anneliese Michels Selbstanklagen auch unausgesprochene Vorwürfe z. B. an ihren Vater Josef Michel eine Rolle, den sie sehr gern hat, von dem sie sich jedoch kaum verstanden fühlt und der ihr Leben einschränkt? Unter dem Zwang der “Dämonen“ startet sie später manche wilde Kuss-Attacke auf ihn – auch hier Anzeichen einer völlig aus dem Ruder laufenden Körperlichkeit bzw. Sexualität. Oder geht es bei all´ den dramatischen Ereignissen vor allem um das Aufbegehren gegen den katholischen Kinderglauben, der ja immer auch mit einer sehr strengen Sexualmoral verbunden ist? In klaren Augenblicken ist sich Anneliese selbst bewusst, dass sie den Anforderungen des katholischen Glaubens und ihrer katholischen Erziehung vielfach nicht entspricht, während sie nach außen krampfhaft den Schein zu wahren versucht, was sich körperlich womöglich bis hin zu den unkontrollierten Verkrampfungen der epileptischen Anfälle zeigt, welche die Ärzte diagnostizieren. (Anmerkung: “Besessenheit“ oder “Epilepsie“ sind für den Autor nicht zwei Alternativen, die sich bei der Deutung von Anfällen gegenseitig ausschließen müssen. Sie könnten unter Umständen – nicht generell – auch zwei unterschiedliche Betrachtungsweisen desselben Phänomens sein; siehe auch weiter unten)

Ob es also im wesentlichen diese hier dargelegten Komponenten sind, aus denen sich Annelieses Schuldbewusstsein zusammensetzt oder ob es noch weitere gibt, kann man nicht genau wissen. Denn ihr Tagebuch, das einen detaillierteren Aufschluss über ihre Seelennöte geben könnte, geht nach ihrem Tod in kirchlichen Kreisen “verloren”. Wohl aus gutem Grund. Zum einen lässt sich eine “Schlange” in der katholischen Frömmigkeit nicht so gut verehren. Und zum anderen könnte man aus ihren Aufzeichnungen vielleicht noch mehr über die mit ihrer Selbstverurteilung verbundene panische Angst vor der ewigen Verdammnis erfahren. Und das würde ein noch schlechteres Licht auf die römisch-katholische Kirche werfen, welche ihr das tödliche Gift dieser Vorstellung eingeträufelt hat.

Doch auch so scheint klar: Um diese grausamste aller Vorstellungen abzuwehren, spaltet Anneliese in sich das aufkeimende Nicht-Katholische mehr und mehr ab als nicht zu ihr gehörig, und sie liefert somit einen idealen Nährboden für die “Dämonen”. Am Ende ihres Lebens ist Anneliese nicht mehr nur “schizoid”, sondern innerlich geteilt, und sie erlebt verstärkt, wie nun offenbar fremde Kräfte sich immer mehr dieser gegensätzlichen Persönlichkeitshälften in ihr bemächtigen. Und diese Kräfte kann sie immer weniger selbst steuern.

In dieser Situation erwartet Anneliese Michel Heilung ausgerechnet von der römisch-katholischen Kirche, an deren Verdammnis-Lehre sie erkrankte. So willigt sie lange Zeit immer wieder ein, dass an ihr der römisch-katholische Exorzismus nach dem Rituale Romanum durchgeführt wird.

Das Exorzismus-Ritual

”Ich beschwöre dich, unreiner Geist, jeden Einfluss des bösen Feindes, jedes Gespenst und jede teuflische Heerschar, im Namen unseres Herrn Jesus Christus: Verschwinde und fahre aus von diesem Geschöpf Gottes!” Mit solchen Beschwörungsformeln versuchen katholische Exorzisten bis heute, Dämonen auszutreiben. Nach dem Desaster von Klingenberg in Deutschland unter noch größerer Geheimhaltung als zuvor. Umso häufiger jedoch auch öffentlich z. B. in Italien, Spanien und in Ländern der Dritten Welt. Nach der Intensivierung der katholischen Exorzismus-Ausbildung durch Papst Benedikt XVI. seit Sommer 2005 könnte sich dies aber auch in Deutschland bald wieder ändern. Denn die Ereignisse von Klingenberg liegen jetzt [Juli 1005] schon über 29 Jahre zurück.

Die beiden Exorzisten, Pfarrer Ernst Alt aus Ettleben bei Schweinfurt, der Vertraute von Anneliese Michel, und Pater Arnold Renz aus dem benachbarten Rück-Schippach, der im Auftrag des damaligen Bischofs von Würzburg, Josef Stangl (1907-1979, Bischof seit 1957), den katholischen Exorzismus durchführt, bringen es auf 67 Sitzungen. Die erste davon dauert über viereinhalb Stunden. 42 Sitzungen werden auf Tonband aufgenommen, so dass die Prozeduren umfassend dokumentiert sind.

Die “Dämonen”, die aus Anneliese sprechen, nennen sich Kain, Nero, Judas, Luzifer oder Hitler, oder es sind Vertreter der katholischen Fraktion, die sich „Joseph“ oder „Maria“ nennen. Anneliese versteht sich dabei jeweils als Objekt fremder Kräfte. Zu ihrem Freund Peter sagt sie: ”Ich spreche da überhaupt nicht mehr. Meine Stimme wird einfach benutzt. Ich höre mir praktisch zu. Ich bin das überhaupt nicht. Ich höre interessiert zu, und diese Bewegungen da und wie ich mich wehre, das mache ich auch nicht, das geschieht einfach mit mir. Ich stehe über der Sache und bin Beobachter”.

Was Anneliese Michel hier berichtet, klingt glaubhaft. Mittlerweile gibt es viele Erfahrungsberichte ähnlicher Art. Diese sind zumindest ein Indiz dafür, dass es tatsächlich ein Phänomen gibt, das man “Besessenheit” nennen kann und das unter Umständen auch der geistige Hintergrund einer Epilepsie sein könnte. Anneliese Michels Schilderungen könnten dann darauf hinweisen, dass sich ihre eigene Seele teilweise außerhalb des Körpers befindet, während hauptsächlich die fremden Seelen durch ihren Körper agieren.

Die möglichen geistigen Hintergründe könnte man dann wie folgt skizzieren: Man würde davon ausgehen, dass beim Tod eines Menschen jeweils die unsterbliche Seele ihre sterbliche Hülle, den Körper, verlässt. Die unsterbliche Seele lebt im Jenseits auf verschiedene Art und Weise weiter, wobei manche Seelen wieder den Kontakt zur Erde und ihren Bewohnern suchen. Über Menschen, die sich für solche Einflüsse freiwillig oder unfreiwillig öffnen, so genannte Medien, kann eine Seele aus dem Jenseits auch mit unserer diesseitigen Welt Kontakt aufnehmen. Dies ist jedoch den Erfahrungsberichten zufolge nicht beliebig möglich. Die jenseitigen Kräfte werden vor allem dort tätig, wo sie bei einem Menschen bereits Gleiches oder Ähnliches vorfinden wie das, was sie dann durch ihr Medium durchgeben. Dies würde erklären, dass Annelieses “Dämonen” teilweise genaue Anweisungen geben, welchen Kurs die katholische Kirche einzuschlagen hat, was sich in diesen Fällen mit Annelieses eigenen Anschauungen oder denen der Exorzisten deckt. Z. B. fordert ein Dämon, die Hostie dürfe dem Gläubigen beim Abendmahl nicht in die Hand gegeben werden, sondern müsse ihm wie die Jahrhunderte zuvor weiterhin in den Mund gesteckt werden, so wie es der Exorzistenpater Arnold Renz auch glaubt. Aus diesem Grund kann auch bezweifelt werden, dass es sich bei einigen der “Dämonen” wirklich um die Seelen von Hitler, Nero, Judas oder Luzifer handelte, als die sie sich ausgeben. Hier könnte es sich auch um Wichtigtuerei handeln. Schon eher könnte sich tatsächlich die Seele von “Pfarrer Fleischmann” bemerkbar gemacht haben, dem verstorbenen Pfarrer aus einem benachbarten unterfränkischen Ort, der den Zölibat gebrochen hatte.

Dabei ist hier eines gewiss, auch für den, der diese mögliche Deutung nicht befürwortet: Die “Dämonen” aus Anneliese äußern sich nicht beliebig. Sondern sie spiegeln die mittlerweile extrem gegensätzlichen Persönlichkeitsanteile der jungen Frau wieder, sowohl die katholischen als auch die der katholischen Kirche gegenüber zutiefst feindlichen und aggressiven. So lehren die “Dämonen” einerseits “Theologen müssen sich bessern”, sprich “bessere“ Katholiken werden. Und andererseits zerreißt ein “Dämon” durch Anneliese immer wieder Rosenkränze, oder er wehrt sich mit unflätigen Sprüchen oder wütendem Schreien gegen den Exorzisten, oder er tut es mit der Selbstbehauptung “Ich bin nicht unrein”.

Einen solchen Widerspruch gegen die katholische Lehre hätte die junge Frau Michel in Ich-Form niemals gewagt, weil sie Angst vor den Konsequenzen eines Widerspruchs hatte. Denn dann hätte sie nach römisch-katholischer Lehre ewig in die Hölle gemusst.
Und so scheinbar menschlich hart das in diesem Zusammenhang auch klingt: Diese abgespaltenen Persönlichkeitsanteile Annelieses hatten wohl kaum mehr eine andere Chance, um sich sich Gehör zu verschaffen als dass sie sich mit fremden Mächten bzw. Seelen verbündeten, um dann durch diese aus der jungen Frau herauszuschreien. Anneliese Michel lässt ihnen womöglich keine andere Chance und muss einen grausamen Preis dafür zahlen.

Und hier treiben nun die “Dämonen” mit der Angst der engagierten Katholikin, der Kirche zu widersprechen und verdammt zu werden, ihr furchtbares Spiel, indem sie sie zwingen, z. B. endlos auf den Knien Rosenkränze zu beten, Kniebeugen zu machen, zwei Tage lang unter dem Tisch zu jaulen und zu bellen wie ein Hund oder sich die Kleider vom Leib zu reißen und nackt auf dem Boden zu schlafen. Und schlimmer noch: Sie bringen sie dazu, Spinnen zu essen, einem toten Vogel auf dem Dachboden den Kopf abzubeißen, Kohlen zu kauen, sich im Kohlenstaub zu wälzen und ihren eigenen Urin vom Boden aufzuschlürfen. Und Anneliese gehorcht immer – bis zum bitteren Ende. Ob bei klarem Bewusstsein oder unter dem Zwang des “Besessen-Seins”. Und sie gehorcht sowohl der Kirche als auch ihren “Dämonen”.

Die Austreibungsformeln des kirchenamtlichen Rituale Romanum, gesprochen durch den Exorzisten Arnold Renz, der mal auf Deutsch, mal auf Latein beschwört, sind fruchtlos. Und so wie in nachfolgendem Beispiel geht es während des Exorzismus schier endlos hin und her.
"Pater Renz: ´Wir werden die drei Mächte bitten, dass sie euch in die Hölle stoßen. Wir werden zu den Armen Seelen beten, zu den Schutzengeln, zu den Heiligen ... ` Pater Renz beginnt mit dem Vater Unser. ´Nein, nein, nein, nein, nein!`, schreit es aus Anneliese. ´Heiliger Erzengel Michael ... du Fürst der himmlischen Heerscharen, wolltest du den Satan und die anderen bösen Geister, die zum Verderben der Seelen in der Welt umherschweifen, mit Gottes Kraft in die Hölle hinab stoßen ...`" Felicitas D. Goodman, aus deren Buch “Anneliese Michel und ihre Dämonen” (2) diese Zitate stammen, schreibt weiter: "Endlich wehren sich die Dämonen: ´Wir bleiben noch!` knurrt einer. ´Wer erlaubt euch das?` ´Die Dame!`, bellt er. Pater Renz fängt von neuem an zu beten und versucht eine andere Taktik: ´Es muss euch doch eine Qual sein, hier zu bleiben! Ihr solltet doch eigentlich mit Freuden ausfahren!` ´Nein!` ´Warum geht ihr nicht?` ´Weil´s dort viel schlimmer ist!`" (S. 165 f.)

Die ”Dämonen” wollen nicht in die Hölle
Diese makabren Dialoge offenbaren dem, der es wahrnehmen will, eine einfache Wahrheit. Vorausgesetzt, Anneliese Michel wurde tatsächlich als Folge ihrer schizoiden Lebenshaltung von jenseitigen Seelen besessen, nämlich “ihren Dämonen”, dann ist es doch verständlich, dass diese nicht in eine ewige Hölle wollen. Dahin hatte sie die katholische Kirche schon einmal zu schicken versucht, und dahin wollen sie die kirchlichen Amtsträger nun wieder verdammen. Doch wer will schon freiwillig in ein ewiges Grauen, in ewige Qualen? Niemand will dorthin. Und eventuell war es für diese Seelen ein jenseitiges Aha-Erlebnis, dass man auch keineswegs dort hin muss! Lieber besetzen sie weiterhin ihr Opfer und schreien ihren Protest durch ihr Medium heraus – ein Protest, der für die Exorzismus-Vollstrecker natürlich gotteslästerlich klingt. Dabei sind die Schreie der “Dämonen” manchmal nichts anderes als eine Fundamental-Kritik an dieser scheinheiligen und furchtbaren römisch-katholischen Kirchenlehre, die aus den von ihr verdammten Seelen – durch das Medium – heraus bricht!

So weit eine mögliche Deutung. Doch selbst wenn man voraussetzt, es würde sich gar nicht um Seelen handeln, sondern “nur” um Persönlichkeitsanteile Annelieses, die im Kampf mit den Exorzisten liegen, dann wäre das im Ergebnis nicht viel anders. Auch hier ist es verständlich, dass diese Anteile Annelieses nicht in die Verdammnis wollen. Sie wollen als Teil der Persönlichkeit erkannt werden, so dass ein gesunder Mensch entscheiden kann: Lebe ich das aus, was sich in mir an Gefühlen und Vorstellungen auftut? Oder gestehe ich es mir ehrlich ein, gebe dem aber nicht nach, sondern bearbeite die aus meiner Sicht negativen Ursachen dafür? Oder finde ich einen goldenen Mittelweg? Doch bis zu dieser Fragestellung ist es bei Anneliese Michel nicht mehr gekommen. Die “Dämonen” hatten sie in ihren letzten Monaten schon zu sehr im Griff.

Auch der “Dämon” mit dem Namen Judas war beteiligt. Und auch er hat verständlicherweise kein Interesse an der Hölle: ”Wo soll ich denn hinfahren?” ”In die Hölle!” ”Nein!” ”Da gehörst du hin!” ”Nein ... nein ... nein ... nein!” ”In die Hölle gehörst du! Nur weil du´s verdient hast, bist du dort. Du wolltest ja nicht dienen!”

Neben ihm gibt es den “Dämon” mit dem Namen Luzifer. Pater Arnold Renz wiederholt den exorzistischen Befehl unzählige Male. Dann heißt es bei der Buchautorin Felicitas Goodman: ”Pater Renz wendet sich an die Heiligste Dreifaltigkeit, an Jesus, an die allerseligste Jungfrau Maria, den Erzengel Michael - es nützt nichts. Der Dämon muss sich fast erbrechen und dennoch sagt er immer wieder: ´Nein!` Nach drei weiteren exorzistischen Befehlen, er solle ausfahren und nie wiederkommen, scheint er endlich im Rückzug begriffen: ´Ich bin verdammt ... weil ich nicht ... weil ich Gott nicht dienen wollte ... ich wollte selber herrschen ... obwohl ich nur Geschöpf war.` Dann wehrt er sich wieder und fügt hinzu: ´Ich geh nit!`

Wie Hagel prasseln die vielen Befehle des Priesters auf den Buckel, aber er gibt sich nicht geschlagen. Er würgt furchtbar, mit übermenschlicher Kraft, viermal hintereinander. Einige seiner Schreie ertönen doppelt, so als habe er zwei Mäuler. ´Du wolltest dich dem Himmel nicht unterwerfen, nun musst du in die Hölle!` - ´Nein ... nein ... nein ... nein!`” (S. 171)

Die “Dämonen” wehren sich letztlich erfolgreich gegen die Versuche der kirchlichen Amtsträger, sie in eine ewige Verdammnis zu verbannen. Wenn man solches liest und sich bewusst macht, dass all dies eben nicht nur auf die “Dämonen”, sondern auch auf die junge Studentin ”niederprasselt”, dass sie, die Studentin, sich erbrechen muss und vieles mehr – wundert es da noch, dass sie diese Prozedur des römisch-katholischen Exorzismus letztlich in völlige Hilflosigkeit und schließlich mit in den Tod treibt?

Anneliese Michel - ein Opfer des Dogmas der ewigen Verdammnis?
Das Schicksal Anneliese Michels kann zum Zeugnis dafür werden, was das römisch-katholische Dogma von der ewigen Verdammnis bei Menschen anrichten kann, wenn man diese Lehre und ihre allergrässlichsten Folgen tatsächlich Ernst nimmt (siehe dazu auch: Der Theologe Nr. 19: Es gibt keine ewige Verdammnis - auch nicht in der Bibel). Und Anneliese Michel hat diese Lehre Ernst genommen. Es ist eine Lehre, die zu einer Vergiftung der Seele führen kann, zu nicht endenden Schuldgefühlen und unaufhebbarer Angst. Und damit können Gläubige lebenslang beherrscht und in Abhängigkeit gehalten werden.

Anneliese Michel will ja eine besonders gute und folgsame Katholikin sein. Deshalb trifft es sie besonders hart. Gerade empfindsame und sensible Gläubige sind für diese Form der seelischen Einflussnahme besonders empfänglich. Dadurch werden sie jedoch zwangsläufig krank – ekklesiogene, d. h. kirchenbedingte Neurose heißt der Fachausdruck. Denn die Vorstellung einer Verworfenheit in alle Ewigkeit sowie die Vorstellung nie endender grausamer Schmerzen und Qualen widerstrebt fundamental der Sehnsucht jedes Menschen nach Glück und nach einem Gott der Liebe, der keines seiner Kinder auf ewig verdammt. Demgegenüber verweigert der Gott der katholischen Kirche seine Barmherzigkeit selbst dann, wenn eine Seele nach katholischer Vorstellung im Jenseits ihre Vergehen bitter bereut und sich von Herzen danach sehnt, alles wieder gutzumachen, was sie an Negativem verursacht hat. “Das hätte sie eben machen sollen, solange sie noch als Mensch auf der Erde war“, so sinngemäß die kirchliche Antwort, wenn das Urteil zuvor auf “Verdammnis“ gelautet hat. Jetzt gebe es nur noch allergrausamste Dauerfolter ohne die geringste Aussicht einer Linderung. Wenn man sich das nur einmal ansatzweise vorzustellen versucht ...Was für ein “Gott“!

Doch das war nicht immer so. Bis ins 6. Jahrhundert war der Glaube an eine einstige Rückkehr aller gefallenen Wesen zurück zu Gott sogar in der Kirche noch weit verbreitet. Erst auf dem Konzil von Konstantinopel im Jahr 553 wurde die Lehre von der schlussendlichen Rückkehr aller gefallenen Wesen zu Gott gestrichen und durch das neue Dogma von der ewigen Verdammnis ersetzt. Und ausgerechnet die Erfinder dieser Lehre bieten nun an, allein ihr Glaube könne auch vor ihrer Erfindung bewahren. So heißt es bereits drohend beim Kirchenlehrer Cyprianus (3. Jahrhundert): Extra ecclesia nulla salus = Außerhalb der Kirche gibt es kein Heil, d. h. keine Rettung. Diese Lehre wurde vom Laterankonzil im Jahr 1215 bekräftigt und zählt heute zu den “unfehlbaren” Glaubenssätzen der Kirche (siehe Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 375). Also ohne die Kirche nur niemals endende, ewige Höllenqualen?

Mit dieser tödlichen Drohung, die heute meist subtiler gehandhabt und verbreitet wird, versucht die Kirche bis in die Gegenwart, ihre Gläubigen zu disziplinieren, was übrigens auch in den evangelischen Kirchen geschieht. Nur solche “Betriebsunfälle” wie bei Anneliese Michel passen natürlich nicht ins Kalkül. Ihr Leiden und Sterben zeigt, wenn man so schlussfolgern will, ein gescheitertes Aufbegehren gegenüber dieser Religion des Todes. Gescheitert letztlich, weil die nach Befreiung Ringende voller Angst an ihren Peinigern und deren Lehren festhält und diese nicht zu hinterfragen wagt. Der Exorzismus verstärkt dabei diesen Irrsinn durch mittelalterliche Rituale.

Der katholische Exorzismus hat mit Jesus nichts zu tun
Besetzung und Umsetzung, d. h. Besessenheit und Umsessenheit von Menschen, scheinen zu allen Zeiten Realität. Doch die Heilung einer solchen Besessenheit kann niemals durch ein Exorzismusritual erfolgen; genauso wenig wie durch eine Medizin, welche die geistig-seelischen Vorgänge hinter den körperlichen Symptomen leugnet oder davon nichts wissen will. Am hilfreichsten wäre wohl eine rechtzeitig begonnene Psychotherapie, die sich der Hilfe zur Selbsterkenntnis und einer verantwortbaren Ethik verpflichtet weiß. Sind die Besetzungs-Phänomene jedoch schon stark ausgeprägt und verfestigt, wird allerdings eine mögliche Heilung zunehmend schwerer. Hierzu bedürfte es neben der Einsicht des Betroffenen in seine Situation einer humanen Medizin in Verbindung mit viel therapeutischem Geschick. Dabei bekäme es der Arzt oder Therapeut je nachdem entweder mit dem Betroffenen selbst oder den ihn bedrängenden fremden Mächten zu tun. Der katholische Exorzismus hingegen besteht darin, die angeblichen oder tatsächlichen Dämonen mit einem erniedrigenden Wort-Ritual zu attackieren, wodurch man den Ursachen des Leidens nicht auf die Spur kommt und was die Situation des Betreffenden zudem meist verschlimmert.

Wenn die Kirche in Sachen Dämonenaustreibung auf Jesus von Nazareth verweist, so ist das bemessen an ihrem Tun unredlich. Denn Jesus schickte die “bösen Geister” nicht in eine ewige Verdammnis – weil es eine solche bei einem Gott der Liebe, den Jesus lehrte, und der jedem Verlorenen nachgeht (vgl. die Gleichnisse vom verlorenen Sohn, Schaf bzw. Groschen), nicht gibt. Solches steht auch nirgends in der Bibel geschrieben. Das dort in diesem Zusammenhang manchmal gebrauchte Wort aionios bezeichnet einfach einen “Äon”, eine sehr lange Zeit, aber nicht die Unendlichkeit (vgl. dazu Der Theologe Nr. 19). Als Jesus einmal einen Besessenen heilte, warfen ihm die damaligen Theologen vor, er vollbringe die Austreibung mit Beelzebub, dem Obersten der Teufel. Doch dies war nichts anderes als eine Projektion ihrer eigenen erfolglosen Austreibungspraxis. Und die heutigen katholischen Theologen tun das Gleiche wie die damaligen Theologen. Mit barbarischen Ritualen versuchen sie, die Dämonen auszutreiben. Und der Hilfe suchende Gläubige bleibt dabei meist auf der Strecke. Im Gegensatz dazu hatte Jesus wohl die oben dargelegten Fähigkeiten, zum Kern des Geschehens vorzudringen und die Voraussetzungen für eine dauerhafte Heilung zu schaffen.

Anders die kirchlichen Exorzisten, welche zur Verstärkung ihrer Austreibungspraxis auch so genannte Reliquien benutzen, was ebenfalls nicht das Geringste mit Jesus zu tun hat, sondern mehr mit dem Voodoo-Kult, wo bei den Exorzismus-Ritualen ebenfalls zahlreiche Reliquien benutzt werden. Der Exorzismus-Forscher Uwe Wolff schreibt: ”Am Freitag, dem 21. November, benutzt Pater Renz einen Splitter vom Kreuze Christi, Reliquien des Vinzenz von Paul, des im Kampf gegen den Teufel erprobten Pfarrer von Ars, und vor allen Dingen eine Reliquie von Papst Pius X ... ”

Die unmittelbare Folge: “Anneliese wird durch diese Sitzung so weit aus der Bahn geworfen, dass sie die kommende schulpraktische Prüfung für die Missio canonica [die kirchenamtlichen Befähigung zur katholischen Religionslehrerin] nur unter großen Schwierigkeiten besteht.” Und ihr Freund Peter Himsel muss eingestehen: “Man hat ja gemerkt, wenn man hinkommt, betet den Exorzismus, da wird´s ja eigentlich schlimmer. Das war ja irgendwie das Tragische daran, jedenfalls in der letzten Zeit.”

Religion des Todes
Und damit das Ganze nicht ans Tageslicht dringt, muss diese unselige Prozedur natürlich möglichst im Verborgenen vollzogen werden. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum der Würzburger Bischof Josef Stangl zunächst zögert, die Erlaubnis zum Exorzismus an Anneliese Michel zu erteilen. "Die gebotene Diskretion soll auf jeden Fall gewahrt werden - keinerlei Medien dürfen während des Exorzismus zugelassen werden und weder vor noch nach der Exorzismushandlung dürfen sie darüber öffentlich informieren”, heißt es in dem neuen Exorzismusdekret des Vatikan aus dem Jahre 1999. Die Männer der Kirche in Rom werden wissen, warum.

Unzählige Male wird bei einem Exorzismus den Betroffenen auch das Kruzifix mit dem zu Tode geschundenen Jesus vor die Nase gehalten, so wie Inquisitoren es in der Vergangenheit den verbrennenden Frauen und Männern auf dem Scheiterhaufen entgegen streckten. Und so wie viele Opfer der Kirche noch im Todeskampf standhaft blieben und sich von dem Kruzifix abwandten, so wehrt sich auch ein “Dämon” in Anneliese: “Weg mit dem Ding!”

Einer, der die Kirche sehr gut kennt, der ehemalige Dekan der römisch-katholischen Fakultät der Universität Wien und Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek, weist auf die tiefenpsychologische Bedeutung des Kruzifix in der Kirche hin, die eine ganz andere ist als die vordergründige Bedeutung, wonach das Kruzifix auf ein stellvertretendes Sühneleiden von Christus für die Menschheit hinweisen soll. Die Kirchen-Oberen, so Mynarek, ”stellen immerfort den malträtierten, misshandelten, gequälten, blutüberströmten Leichnam dar. Warum? Weil sie eine Religion des Todes und nicht des Lebens sind! Da kann der Papst noch hunderte Male von der Kultur des Lebens sprechen, die die katholische Kirche versinnbildlichte, und sie der Kultur des Todes entgegenstellen. In Wirklichkeit ist die Kirche die Kultur des Todes, des gequälten Leichnams, und glaubt selber nicht an das Leben.”

Man könnte den Gedanken des Religionswissenschaftlers noch weiterführen: Mit dem toten Mann am Kreuz wird womöglich unterschwellig und entgegen den oberflächlichen theologischen Erklärungen etwas ganz anderes symbolisiert. Nämlich: Jesus ist tot, wir haben ihn besiegt. - Religionsphänomenologisch wäre das Kruzifix demnach vergleichbar den barbarischen Ritualen archaischer Kriegsvölker, welche die Köpfe bzw. Skalps ihrer hingerichteten Gegner triumphierend vor sich hertragen. Besonders drastisch veranschaulicht würde diese katholische Dauer-Todesanzeige für Jesus, den Christus, durch das Handkruzifix des Papstes, an dem er den furchtbar gekrümmten Körper des sterbenden Jesus demonstrativ vor sich herträgt.

Wer es so sehen möchte, der erkennt darin eine tiefere Botschaft, die im Gegensatz zur oberflächlich verkündeten Botschaft eines angeblichen Sühneleidens steht: Die Kirche wäre demnach die Gegenspielerin von Jesus. Und sie bedient sich nur seines Namens, um ihr eigentliches Wesen zu verbergen. Es wäre ähnlich, wie es der große russische Literat Fjodor Dostojewski (1821-1881) in seinem Werk ”Die Brüder Karamasov” darlegte, als der Kirchenmann, der Großinquisitor, gegenüber dem wieder gekommenen Jesus erklärte: ”Wir haben deine Tat verbessert.” Und während Jesus nicht vor dem Versucher niederfiel, hat es die Kirche getan und dafür von dem Versucher als Belohnung die irdische Macht erhalten. ”Wir sind schon seit langer Zeit nicht mehr mit dir im Bunde”, so der Großinquisitor, ”sondern mit ihm, schon acht Jahrhunderte lang. Acht Jahrhunderte ist es her, dass wir von ihm das annahmen, was du unwillig zurückwiesest: Wir haben von ihm Rom empfangen und das Schwert des Kaisers und haben uns selbst als die Herren der Erde, als ihre einzigen Herren erklärt.” Und so hat es auch die Kirche zu ihrem ”unfehlbaren” Lehrsatz gemacht, dass sich jeder Mensch und ”alle Völker” dem Stuhl Petri, dem Papst unterwerfen müsse (Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 368, 430 und 434).

Anneliese Michel wurde anfangs unfreiwillig, später bewusst zur Zeugin dieser machtvollen Todesreligion. Denn als sich mehr und mehr herausstellt, dass das katholische Exorzismus-Ritual nicht nur nichts bringt, sondern die grausame Situation verschärft, gräbt sich die junge Studentin noch tiefer in die katholische Kruzifix-Lehre ein und versucht, bestärkt durch die beiden Exorzisten, die katholische Jesusvorstellung nachzuahmen. So deutet sie ihre unsäglichen Leiden schließlich als Sühne für andere, wobei auch die “Dämonen” selbst wieder kräftig beteiligt sind.

In einer Exorzismus-Sitzung fragt etwa Pater Renz:
“´Und mit dem Büßen, da kann sie Sünden abbüßen für andere?`
Anneliese: ´Ja, ja, ja!`
Renz: ´Damit kann sie Seelen retten, damit kann sie andere Seelen retten?` ( S. 222)…´Die muss dir noch viele Seelen abspenstig machen. Drum dürft ihr sie piesacken?!`
Anneliese: ´Bääh!`
Renz: ´Je mehr ihr sie piesackt, um so mehr Seelen werden gerettet. Stimmt das? Ja? ... `
Anneliese: ´Ja, nein, nein, nein.`“

Umdeutung zur Heiligenlegende
Der Exorzistenpater Arnold Renz will durch solche suggestiven Fragen seine Theorie der Sühnebesessenheit bei Anneliese Michel bestätigt sehen. Und diese geht notgedrungen darauf ein. Sie sitzt in der Todesfalle und flüchtet immer mehr in die Identifikation mit dem leidenden und sterbenden Christus, getreu der römisch-katholischen Lehre für die Kranken und Sterbenden. So ist im Katechismus der katholischen Kirche von der “Vereinigung des Kranken mit dem Leiden Christi“ die Rede und es wird das Sakrament der “Letzten Ölung“ z. B. mit folgenden Worten erklärt: “Durch die Gnade dieses Sakraments erhält der Kranke die Kraft und die Gabe, sich mit dem Leiden des Herrn noch inniger zu vereinen. Er wird gewissermaßen dazu geweiht, durch die Gleichgestaltung mit dem erlösenden Leiden des Heilands Frucht zu tragen. Das Leiden, Folge der Erbsünde, erhält einen neuen Sinn; es wird zur Teilnahme am Heilswerk Jesu.“ (Nr. 1521)
Von dieser allen kranken Katholiken angebotenen Deutung der “Gleichgestaltung mit dem erlösenden Leiden des Heilands“ ist es nur noch ein kleiner Schritt zur speziellen katholischen Deutung, dass auch der einzelne kranke Katholik stellvertretend zur Sühne für die Sünden anderer leiden könne.

In ein solches Deutungsmuster verfällt man nicht über Nacht. Anneliese Michel wollte schon als Jugendliche mehr tun als das, was die Kirche vom einzelnen Katholiken verlangt. Nun schließt sich am Ende ihres irdischen Lebens der kirchliche Teufelskreis. Sie möchte das Sühnopfer vor allem für Priester bringen, die das Zölibat brechen – auch hier wieder die sexuelle Dimension des Geschehens. Und durch die Deutung ihres Leidens als Sühneopfer glaubt Anneliese Michel, wenigstens der ewigen Verdammnis entronnen zu sein. Spätestens jetzt ist der Horror nicht mehr zu stoppen. Wurde bis dahin immer versucht, die “Dämonen“ auszutreiben, soll jetzt der “Heiland“ sogar wollen, dass die Dämonen in Anneliese drin bleiben, weil sie als Mittel für ihr Sühneopfer dienen.

“Dann schreien die Stimmen aus der Tiefe in unendlichen Variationen: ´Wir wollen raus, raus, raus, raus! Wir wollen raus, raus, raus, raus!`“ (S. 237) Raus aus Anneliese oder aus dem Horror-Grab der katholischen Verdammnis-Vorstellungen? Obwohl sich die “Dämonen“ in den letzten Lebenswochen Annelieses seltener melden, fährt der Exorzistenpater Renz bis zum letzten Tag mit seinen suggestiven Beschwörungen fort. Und er quält die immer wehrlosere junge Frau auch dann mit seinen Beschwörungsformeln, wenn sich gar keine “Dämonen“ bemerkbar machen. Spätestens jetzt ist auch der Kirchenmann zu einer Art von “Besessenem“ geworden, der die ihm Anbefohlene immer weiter in Richtung Tod treibt. Uwe Wolff schreibt: “Unterdessen setzt Pater Renz in Klingenberg sein Werk fort, obwohl Anneliese immer wieder klagt: ´Ich kann nicht mehr!`“

In der Deutung ihres Leidens fühlt sich Anneliese im Vorfeld ihres Todes allerdings nicht nur durch Pater Arnold Renz bestätigt, sondern auch durch eine Stimme, die sie am 20. Oktober 1975 vernommen hat und die sie als “Heiland” deutet: ”Du wirst eine große Heilige werden” Der Exorzismus-Experte Uwe Wolff erklärt dazu: ”Wie ihr himmlischer Bräutigam will sie ein Sühneopfer sein” (S. 250), und anders als durch eine solche Verklärung ihres am Ende gescheiterten Lebens lassen sich ihre letzten Lebenswochen wohl auch kaum mehr aushalten. In den letzten Tagen vor ihrem Tod scheint sie vollends in der Identifikation mit dem gekreuzigten Jesus aufzugehen. Wolff schreibt: ”Anneliese ist tief eingetaucht in das Geheimnis ihres am Kreuz leidenden Bräutigams und zitiert immer wieder dessen Todesworte: ´Bringt mir Wasser!`” (S. 258) Angesichts des Ausmaßes ihres Leidens kann man dieser letzten Lebenslüge, die sie von ihrem Exorzisten Renz übernommen hatte, großes Verständnis entgegenbringen. Eine Lebenslüge bleibt es dennoch, denn Jesus war eine klare und geradlinige Persönlichkeit und wurde von seinen Gegnern gefoltert und umgebracht. Anneliese hingegen scheiterte an dem tödlichen Gift ihrer Kirche und auch an sich selbst. Auch beinhaltet das Schicksal von Jesus nicht die Aufforderung der äußeren Nachahmung.

Etwas völlig anderes ist demgegenüber die schlichte Nachfolge Jesu, indem man die friedvolle Botschaft der Nächstenliebe beherzigt. Der bekannte Psychotherapeut Carl Gustav Jung hat demgegenüber die – katholische – Perversion der Nachfolge Christi mit den Worten kommentiert: ”Christus kann bis zur Stigmatisierung nachgeahmt werden, ohne dass der Nachahmende auch nur annähernd dem Vorbild und dessen Sinn nachgefolgt wäre.” Letztlich wird dabei versucht, den einen Irrsinn – das Dogma der ewigen Verdammnis – durch einen anderen Irrsinn – die materielle Nachahmung des Leidens Christi – zu überwinden.

Anneliese Michel hat den Sachverhalt in ihrer Examensarbeit zum Thema ”Angstbewältigung“, in folgende Worte gefasst: ”Zum Schluss sei noch gesagt, dass es Fälle gibt, wo einer, obwohl er gebeichtet hat und im Inneren im Frieden mit Gott lebt, von einer merkwürdigen Angst geplagt wird, einer Leidens- und Todesangst, von dem man einen Menschen nicht befreien darf. Man kann, wenn das einem Menschen auferlegt ist, nur schweigend stehen und beten, dass er auch durch diese Angst hindurch geführt wird. Es gibt das besondere Teilhaben am Kreuz Christi und seiner Todesangst. Die wichtigste Grundhaltung für das seelsorgerische und ärztliche Bemühen ist die Ehrfurcht vor dem Geheimnis der Geschichte eines Menschen mit Gott”.

Ihre Entscheidung scheint damit auch vom Verstand her endgültig gefallen. Sie wird bis zuletzt diesem katholischen Gott verhaftet bleiben, der ”in Klingenberg mal richtig auf den Putz gehauen hat”, wie es einmal der kirchliche Exorzismus-Beauftragte Adolf Rodewyk in Worte gefasst hatte. Somit zieht sie Gott und Christus in die Verantwortung für ihr Leiden bewusst mit hinein. Doch Anneliese Michel wird diese ”Gottesvergiftung”, deren Opfer sie letztlich geworden ist, nicht als Lehrerin an Kinder im römisch-katholischen Religionsunterricht weitergeben. Viereinhalb Wochen, nachdem sie ihre Examensarbeit an der Würzburger Universität eingereicht hat, ist sie tot. Als sie sich am Abend des 30.6.1976 schlafen legen will, bittet sie ihre Mutter Anna Michel, bei ihr zu bleiben: „Mutter bleib da, ich habe Angst.“ Das sind ihre letzten Worte.

Weil Anneliese Michel selbst zuletzt ihr Leiden und Sterben als Sühneopfer verstanden hat, ist es nicht verwunderlich, dass interessierte Kreise aus ihrer Geschichte eine Heiligenlegende machen wollen. Ein solches Deutungsmuster hält die katholische Kirche in der Tat für viele, die an ihrer Lehre zerbrochen sind, bereit.

Etliche ihrer Anhänger wünschen sogar ihre Seligsprechung und strickten u. a. an der Legende, ihr Körper verwese nicht. Deshalb werden Annelieses sterbliche Überreste am 25. Februar 1978 auf amtliche Anordnung hin ausgegraben und überprüft. Dabei zeigt sich, dass die Verwesung sogar weiter fortgeschritten ist als üblich, weil – so das Bestattungsunternehmen Kraus aus dem nahen Aschaffenburg bzw. der Bestatter Emil Schweibert und auch der Klingenberger Bürgermeister Walter Riermaier – das Mädchen zum Todeszeitpunkt nur noch Haut und Knochen war. Die Exhumierung hat gläubige Katholiken allerdings nicht davon abgehalten, weiterhin folgende Verschwörungstheorie zu verbreiten: Der Leichnam wäre tatsächlich unverwest gewesen (wie übrigens der Leichnam Marias nach katholischer Lehre bis zu ihrer leiblichen Auferstehung unverwest im Grab gelegen haben soll; siehe dazu Neuner-Roos, Der Glaube der Kirche, Nr. 483 und Nr. 485), weswegen die Augenzeugen die Zulassung weiterer Zeugen zu verhindern suchten. Doch selbst wenn man einen fanatischen Anhänger dieser Theorie mit als weiteren Zeugen der Verwesung hinzu gebeten hätte, wären wohl anschließend andere aufgetreten, die es doch bestritten hätten.

Das Ergebnis der Obduktion
Anneliese Michels Körper ist in den letzten Monaten vor ihrem Tod schon zunehmend verfallen, und sie hat diesen Prozess durch Selbstverletzungen bzw. massive Gewalt gegen sich selbst beschleunigt. Auch diese Verhaltensweise kann als Ausfluss des zwangsneurotischen Systems der katholischen Kirche verstanden werden, in dem nicht selten gilt: Wer sich selbst niedermacht, wer sich geißelt, kommt dadurch Gott näher. Ein nicht eingestandenes Aufbegehren gegen die krankmachende Lehre der Kirche würde sich dann selbstzerstörerisch gegen die eigene Person richten anstatt gegen die Verursacher. Dies geschieht vor allem dann, wenn kirchliche Indoktrination mit Angst und Schuldgefühlen sich in der eigenen Seele als übermächtig erweist. Die Selbstzerstörung nimmt dann ihren Lauf, und der Exorzismus kann diesen Prozess in schlimmer Weise verstärken bzw. er trägt zu seiner Vollendung bei wie bei Anneliese Michel. Daran ändert sich auch nichts, wenn man als zeitlich letzte Todesursache eine zu hohe ärztliche Dosierung eines krampflösenden Medikaments annimmt, worauf man natürlich spekulieren kann und womit das katholische Umfeld von Anneliese Michel sowohl die amtlich ermittelten als auch die tiefer liegenden Todesursachen ausblenden möchte. Der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin schließt jedoch ausdrücklich aus, dass die junge Frau Michel an Medikamenten gestorben ist. Weil sich jedoch die katholischen Befürworter des Exorzismus an Anneliese Michel bis heute vehement an diese These klammern, soll zum Abschluss noch einmal etwas ausführlicher darauf eingegangen werden.

Zur allgemeinen Information: Jeder Obduktionsbericht enthält neben einer ”unmittelbaren Todesursache” die ”vorangegangenen Ursachen”, z. B. ”Krankheiten, die die unmittelbare Todesursache herbeigeführt haben” sowie andere ”wesentliche Krankheiten”. Nun spielt in dem gerichtsmedizinischen Bericht eine Medikamentendosierung überhaupt keine Rolle. Als Todesursache sind ”Abmagerung”, ”Lungenent-zündung” und ”extreme körperliche Beanspruchung während der letzten Lebenstage” angegeben. Es heißt, ihre Verfassung ”lasse sich am ehesten vergleichen mit der getöteter Lagerinsassen im Zweiten Weltkrieg” (S. 14). Und im Gerichtsurteil heißt es auf Seite 40 sogar ausdrücklich: ”Jede andere Todesursache ist ausgeschlossen” (zitiert bei Goodman, S. 295). Im Gegensatz dazu beharrt die Autorin und Anthropologie-Professorin Felicitas D. Goodman (2) auf ihrer These, dass Anneliese Michel durch das anti-epileptische Mittel Tegretal ”umgebracht” wurde. Doch bereits bei ihrem Versuch, dies seriös darzulegen, kommen einem unvoreingenommenen Leser erhebliche Zweifel. So muss sie z. B. zugeben, dass Anneliese Michel Ende 1973 nach der medikamentösen Umstellung auf Tegretal sich ”einige Zeit sehr wohl” fühlte. Aus dem Ruder laufen jedoch ihre Deutungen, wenn sie z. B. den großen Exorzismus vom 31.10.1975 mit den Worten beschreibt: ”Die große Austreibungsszene wurde zu einem gigantischen Kampf zwischen der jugendlichen Kraft von Annelieses Gehirn und der Wirkung des Medikaments” (S. 291). Eine kraftvolle Jugendliche kämpft gegen ein schlimmes Medikament? Nach allem, was man bisher erfahren hatte, spürt man hier den Beginn der Legendenbildung.

Doch selbst wenn man annimmt, dass der Obduktionsbericht der Gerichtsmedizin falsch oder unvollständig sei und die Nebenwirkungen eines Medikaments als ”ursächlich” oder ”mit-ursächlich” für den Tod ergänzt werden müssten – was würde sich dadurch an den hier dargelegten Zusammenhängen ändern? Es würde sich nichts ändern bzw. nicht viel. Denn es geht nicht nur um den zeitlichen Schlusspunkt der furchtbaren Ereignisse, sondern um die gesamte Tragödie, die lange vor der Einnahme von Tegretal und auch von anderen Medikamenten begonnen hatte. Außerdem: Tausende von anderen Menschen nehmen das Medikament ebenfalls ein ohne nennenswerten Schaden zu erleiden. Und weiter: Mediziner und dabei vor allem die als penibel bekannten Gerichtsmediziner, die alles Denkbare untersuchen und jedem Mikrogramm eines Stoffes Bedeutung beimessen, ziehen diese Theorie nicht einmal in Erwägung. Es deutet also viel darauf hin, dass es hier von Seiten von Exorzismus-Befürwortern vor allem darum ging, einen nichtkirchlichen Sündenbock zu finden bzw. ein – im wahrsten Sinne des Wortes – ”Totschlag”-Argument, um die Aufarbeitung der ganzen Last von Schuld und Verstrickungen abblocken zu können bzw. dem zuletzt behandelnden Arzt zuschieben zu können; oder auch seinen Vorgängern, wenn man auch noch die anderen Medikamente mit heranzieht. Es formt sich dann etwa folgende Sichtweise: Eine engagierte junge Katholikin wäre ohne eigenes Verschulden von Dämonen besetzt worden, um die sexuellen Sünden ihrer Umgebung und einiges mehr sühnen zu können. Anschließend wäre sie durch den großen Exorzismus des Rituale Romanum der römisch-katholischen Kirche von diesen Dämonen befreit worden. Leider hätten aber ungläubige Ärzte dies verhindert, indem sie ihr zerstörerische Drogen einflößten, die ihre Widerstandskraft gegenüber den Dämonen gebrochen haben, so dass der heilsame Exorzismus sein Ziel nicht erreichen konnte. So oder so ähnlich würden viele gläubige Katholiken die Geschichte gerne deuten, und wer das tut, bezeugt einfach nur, was er gerne glauben möchte. Und wenn Anneliese Michel in einigen Jahren deswegen selig gesprochen wird, braucht das auch niemanden zu wundern. Einen Gefallen täte man damit aber am allerwenigsten Anneliese Michel selbst.

Dennoch offenbart das Schicksal der Pädagogik-Studentin auch ein Versagen der Schulmedizin. Denn Anneliese Michels Eltern und Anneliese selbst hatten auch auf diesem Gebiet zunächst kaum etwas unversucht gelassen, um zu einer Heilung oder Besserung zu kommen. Doch Nervenärzte, Psychiater und medizinische Experten aller in diesem Zusammenhang denkbaren Fachrichtungen bissen sich an der jungen Studentin aus Klingenberg genauso die Zähne aus wie später die katholischen Exorzisten. Und die ärztlichen Verordnungen, Therapien und Medikamentendosierungen führten nur zu zwischenzeitlichen Besserungen, nicht zu einer dauerhaften. Dies ist aber bei der hier dargelegten seelischen bzw. ”ekklesiogenen” bzw. kirchlichen Krankheitsgeschichte auch kein Wunder. Dieser Zusammenhang wurde vermutlich von manchen Medizinern nicht oder zu wenig berücksichtigt oder völlig unterschätzt. Im Unterschied dazu sind den Medizinern Gefahren und mögliche Nebenwirkungen einzelner Medikamente bekannt, und keiner kann einfach ”auf Teufel drauf los” verordnen. So ist es auch selbstverständlich, dass man nicht ausschließen kann, dass ein Medikament im Einzelfall das Chaos bei der ausgemergelten Studentin noch vergrößerte, da schließlich eine Vielzahl unterschiedlicher Kräfte und Interessen auf sie einwirkte. Leider kommt es ja auch sonst in der Gesellschaft häufig vor, dass man eine angeblich falsche Medizin für ein Leiden verantwortlich machen will. In diesem Fall soll damit aber wohl bewusst oder unbewusst verhindert werden, dass man die wahren Ursachen für das Leiden und den Tod anschauen muss und dass man ihnen auf den Grund kommt. Hier bieten sich Mediziner als Sündenböcke geradezu an, und so ist es fast zwangsläufig, dass dies auch in diesem Fall passierte.

Zusammenfassend kann man sagen: Fast jedes Medikament hat eine erwünschte positive Wirkung und eine oder mehrere unerwünschte Nebenwirkungen, und das wird bei den Medikamenten, die Anneliese Michel einnahm, nicht anders gewesen sein. Die erwünschte Wirkung wird dabei wohl zur Dämpfung mancher Ausnahmesituation beigetragen haben. Doch selbst hilfreiche bzw. beruhigende Medikamente können nichts ausrichten, wenn der Wahn, der letztlich in die Katastrophe führte, parallel dazu auf die Spitze getrieben wird.

Natürlich gibt es heute auch vereinzelt Menschen, die bekennen, dass ihnen ein römisch-katholischer Exorzismus geholfen habe, von ihren ”Dämonen” frei zu werden. Es handelt sich hierbei offenbar ausnahmslos um Zeitgenossen, die sich wieder in das römisch-katholische Glaubenssystem integrieren ließen, was die innerlich gespaltene Seele Anneliese Michels im Grunde ihres Wesens aber nicht mehr konnte. Deshalb ändern diese einzelnen Stellungnahmen gläubiger Katholiken auch kaum etwas an dem Ergebnis eines weiteren wissenschaftlichen Untersuchungsberichts. Auch dieser macht den katholischen Exorzismus nach dem Rituale Romanum für die ausbleibende Genesung von Anneliese Michel entscheidend mitverantwortlich. Der Bericht von Johannes Mischo und Ulrich J. Niemann S. J., einem Jesuiten, ist unter dem Titel ”Die Besessenheit der Anneliese Michel in interdisziplinärer Sicht” in der Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie Nr. 25, 1983 erschienen. Darin heißt es auf Seite 186: ”´Besessenheit und Großer Exorzismus gemäß dem Rituale Romanum von 1614 (in Vollmacht von Papst Pius XII. 1954 neu angeordnet und erweitert, Anm. der Verfasserin) sind geeignet, die nach dem heutigen Stand medizinischer, psychiatrischer und psychologischer Erkenntnis als wahrscheinlich anzunehmenden Krankheiten und Krankheitsursachen zu verdecken, zu verstärken und zu perpetuieren und damit eine mögliche Heilung zu erschweren oder gar auszuschließen.” (zitiert bei Goodman, S. 342)

Anneliese Michel hat also nicht den Teufel besiegt, wie die an ihrem Grab Rosenkranz betenden Pilger glauben – sie wurde eher das Opfer einer ”Teufelsreligion”, die auch beim Exorzismus eine große Nähe zum Voodoo-Kult aufweist. Der ehemalige katholische Theologieprofessor und Religionswissenschaftler Hubertus Mynarek schreibt hierzu z. B. grundsätzlich: ”Das Opfer spielt in der katholischen Religion fast dieselbe Rolle wie in der Voodoo-Religion. Es muss Blut fließen und es muss ein Opfer sein” (Voodoo auf katholisch, a.a.O. (3), S. 40). Und so gibt es zahlreiche weitere Parallelen. Neben den in beiden Kulten verwendeten Reliquien, wie oben schon dargelegt, gibt es auch im Exorzismus des Voodoo-Kultes Gebete zu Maria. Oder der Priester verwendet eine Fetisch-Flasche mit geweihtem Wasser ähnlich dem katholischen Weihwasser. Und auch beim Voodoo führen geweihte ”Mittler”, die in Kontakt zur Geisterwelt stehen oder stehen sollen – ähnlich den katholischen Priestern – den Exorzismus durch. Dabei verwenden sie ritualisierte Wiederholungsgebete vergleichbar den katholischen Rosenkränzen oder anderen katholischen Exorzismus-Formeln.

Die Lüge des Bischofs und die Folgen
Juristisch wurde der Tod Anneliese Michels am 21.4.1978 abgeschlossen. Die Eltern Michel, die auf ihre Weise ebenfalls Opfer ihrer Kirche sind, und die von ihrem Bischof Josef Stangl beauftragten Exorzisten Renz und Alt werden wegen fahrlässiger Tötung bzw. unterlassener Hilfeleistung zu Freiheitsstrafen von je sechs Monaten verurteilt, die auf drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt werden. Der verantwortliche Bischof und mit ihm die römisch-katholische Kirche als Institution kamen jedoch völlig ungeschoren davon. Und wie ist ihnen das in der für ihr Ansehen und ihre Machtstellung nicht ungefährlichen Situation gelungen? Man wählte hier den schnellsten und effektivsten Weg, die plumpe Lüge.

Durch seinen Sprecher ließ der Bischof von Würzburg nämlich kurz nach dem Tod Anneliese Michels verlauten: ”Wir haben von allem nichts gewusst! ... Uns wurde der Fall erst nach dem Tode des Mädchens bekannt. Ich habe niemanden die Genehmigung zu den Exorzismus-Gebeten erteilt.” (Welt am Sonntag, 25.7.1976) Tatsächlich hatte Bischof Stangl aber in seinem offiziellen Brief an Pater Arnold Renz vom 16.9.1975 geschrieben: ”Hiermit beauftrage ich nach reiflicher Überlegung und guter Information H. H. P. Renz, Salvatorianer, Superior in Rück-Schippach, bei Fräulein Anna Lieser [ = Deckname für Anneliese Michel (”Anna Lieser” als Verfremdung von ”Anneliese”) aus Gründen der weitmöglichsten Geheimhaltung] im Sinne von CIC can. 1151 § 1 zu verfahren. Mein Gebet gilt seit längerer Zeit diesem Anliegen. Möge Gott uns helfen! Ich danke aufrichtig für diesen Einsatz. Mit herzlichen Segenswünschen; gez. Josef Bischof von Würzburg." (nach Kaspar Bullinger, Anneliese Michel und die Aussagen der Dämonen, zit. bei www.anneliese-michel.de.ms; auch bei Wolff.

Parallel dazu versuchte man von Seiten der kirchlichen Amtsträger, den aufgrund der Ereignisse verstörten Katholiken weiter das Gehirn zu vernebeln. Anneliese Michel wäre ja gar nicht “besessen” gewesen, sondern nur seelisch krank, und die Exorzisten einschließlich des katholischen Chef-Dämonologen und kirchlich weltweit anerkannten Experten Rodewyk hätten mit ihren Diagnosen eben geirrt. Wieder glaubt man als Außenstehender fast, seinen Augen und Ohren nicht mehr trauen zu können. Betonen doch die Kirchenführer sonst bei jeder passenden Gelegenheit die Existenz von Teufel und Dämonen und die Möglichkeit ihrer Austreibung. Und stimmt doch der Sachverhalt bei Anneliese Michel in Klingenberg ganz mit den allgemeinen Darlegungen der römisch-katholischen Kirche zu diesem Thema überein.
Doch das Bistum Würzburg distanzierte sich schon bald nach dem Tod Anneliese Michels von den Exorzismen, und die Deutsche Bischofskonferenz zog nach, indem sie eine Kommission zur Untersuchung der Vorgänge einsetzte. Diese kam zu dem klaren Ergebnis, dass bei Anneliese Michel ”keine Besessenheit vorgelegen habe” (Rheinischer Merkur Nr. 15, 14.4.1978 zitiert bei Goodman S. 322 (5)), ein an Verlogenheit und Scheinheiligkeit kaum mehr zu überbietendes Ergebnis.

Wohlgemerkt: In ähnlichen Fällen ohne tödlichen Ausgang waren nach katholischer Lehre die Dämonen echt. Geht die Sache schief wie in Klingenberg, sind die Dämonen im Ernstfall eben nicht echt gewesen. Anneliese Michel wird auf diese Weise nach ihrem Tod noch ein weiteres Mal ein Opfer der Kirche – jetzt zusammen mit ihren Eltern und den kirchlichen Helfern. Anna und Josef Michel, Ernst Alt und Arnold Renz – sie alle wurden am 21.4.1978 vom Landgericht Aschaffenburg zu Bewährungsstrafen verurteilt. Obwohl sie ihrer Kirche treu ergeben waren und nur das taten, was die Kirchenleitung ihnen auftrug und riet, wurden sie von den Kirchenführern auf dem Altar der Justiz und der öffentlichen Meinung (die den Exorzismus natürlich überwiegend missbilligte) geopfert. Man lässt sie alle miteinander einfach fallen, denn die “Heiligkeit” der Kirche soll ja bekanntlich so wenig wie möglich “behindert” werden (vgl. Katholischer Katechismus Nr. 829). Und hier ist die Kirche auch im Einzelfall brutal: “Kein Wort des Trostes kommt aus Würzburg, kein Schuldbekenntnis, kein Eingeständnis, die Situation zumindest falsch beurteilt zu haben, nicht einmal Solidarität in der Trauer”, schreibt Uwe Wolff.

Doch geht es hier nicht nur um eine moralisch-sittliche Verfehlung der Kirchenoberen. Deren Verhalten hat kriminelle Dimensionen, denn wahrscheinlich wäre das Urteil gegen die Eltern von Anneliese Michel und die beiden Exorzisten anders ausgefallen, wenn sich die Kirchenleitung zu ihrer tatsächlichen Verantwortung bekannt hätte. So aber ließ die Kirche entgegen den Tatsachen mitteilen, diese hätten sich nach römisch-katholischer Lehre falsch verhalten. (6) Doch dahinter steckt auch eine in der Kirchengeschichte vielfach erprobte strategische Manöverleistung, die man mit den Worten zusammenfassen kann: Die Kirche steht oft auf allen Seiten. Und im Konfliktfall steht sie immer auf der Seite, die der Zeitgeist gerade erfordert, um den kirchlichen Einflussbereich auf die Gesellschaft und die Seelen der Menschen erhalten und vergrößern zu können.

Wenigstens Anneliese Michels Freundin, die Katholikin Thea Hein, nimmt das Verhalten der römisch-katholischen Amtskirche nicht duldsam hin. So verweigert sie z. B. eine Hausdurchsuchung, wodurch die Vertreter der Kirche in den Besitz von Tonbändern Annelieses kommen wollten. Weiterhin bringt sie das falsche Zeugnis von Bischof Josef Stangl in einen Zusammenhang mit seinem weiteren Schicksal: “Da habe ich gesagt: ´Gebt acht, das bricht dem Bischof das Genick!` Und genau ein Jahr danach war er tot. Er hat ja den Verstand verloren; das werden Sie ja wissen,“ so Thea Hein, die Freundin Annelieses (S. 21), und Uwe Wolff entlehnte aus ihrer Stellungnahme seinen Buchtitel.

Die Distanzierung der Kirchenleitung und der Kommission der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz von Annelieses Eltern und dem kirchenamtlich beauftragten Exorzisten Renz und seinem Kollegen Alt hat aber nicht nur die hier dargelegte moralische und juristische Dimension, sondern eine noch tiefere existenzielle. Denn ein solches kirchenamtliches Handeln kann in einem gläubigen Katholiken auch Seelenängste auslösen, die wohl nur der wirklich erahnen kann, der selbst dieses Milieu erfahren hat. “Der sei ausgeschlossen“, heißt es bis heute in zahlreichen kirchlichen Lehrdokumenten gegenüber in Einzelfällen Andersdenkenden oder Zweiflern, und damit verbunden ist nach angeblich unfehlbarer Kirchenlehre die wiederum angebliche ewige Verdammnis (vgl. dazu Der Theologe Nr. 18). Mit einer Distanzierung schließt man den Gläubigen zwar noch nicht aus. Man rückt ihn aber gefährlich nahe an den Abgrund heran, vor dem jeder gläubige Katholik bis ins Mark Angst haben soll und vor dem auch Anneliese Michel zeitlebens in unfassbarer panischer Angst lebte und von dem sie sich nicht entfernen konnte und was wohl letztlich zu ihrem frühen Tod führte.

Doch kein Opfer der Kirche muss ein Opfer bleiben. Und für jeden Menschen, der die Wurzeln dafür findet, warum er zum Opfer geworden ist, kann sich ein neuer Weg zum Leben auftun – im Diesseits und, wer daran glauben möchte, warum nicht auch im Jenseits. Das ist auch die gute Hoffnung für Anneliese Michel.

© Der Theologe Nr. 9
 
 
 
Herzlichen Dank
Wir danken "Der Theologe" - http://www.theologe.de - für die Genehmigung der Verwendung des Textes über den Fall Anneliese Michel.