Pavel Stepanek - Ein Bankangestellter aus Prag
Russische und andere osteuropäische Forscher interessierten sich immer schon für die Beziehung zwischen Hypnose und ASW, vielleicht mit gutem Grund, denn Hypnose scheint der ASW förderlich zu sein. Einer dieser Forscher war Milan Ryzl, der, ausgehend von den Biowissenschaften, sich besonders für paranormale Phänomene interessierte. Anfang der sechziger Jahre startete er seine Experimente, bei denen ASW-Fähigkeiten mit Hilfe von Hypnose trainiert werden sollten. Die Vorgangsweise bei diesen Tests war relativ kompliziert: Freiwillige Versuchspersonen wurden in der Entwicklung des Vorstellungsvermögens (dem "Sehen mit dem geistigen Auge") geschult. Sie sollten in tiefe Trance versinken und dann versuchen, mit Hilfe von ASW verschiedene Aufgaben auszuführen, z.B. sollten sie Gegenstände erkennen, die sich in verschlossenen Schachteln befanden. Im Laufe dieser Arbeit, die einige viel versprechende Anhaltspunkte lieferte, lerne Ryzl dann Pavel Stepanek kennen.

Stepanek, ein ruhiger, bescheidner Bankangestellter, meldete sich, weil er sich für paranormale Phänomene interessierte. Ryzl testete ihn auf seine Tauglichkeit für die Hypnose/ ASW-Versuche, doch Stepanek war für die Hypnose kaum geeignet, und nach zwei Tests war Ryzl nahe daran, aufzugeben. Ein dritter Versuch verlief nicht viel besser, und so beschloss Ryzl, Stepanek nicht in seinen eigentlichen Versuchen einzusetzen, sondern führte mit Hilfe von Karten, die noch von früheren Studien stammten, ASW-Tests durch. Die Karten waren etwa 75 mm breit und 125 mm lang, die eine Seite weiß, die andere schwarz, und steckten in undurchsichtigen Kartonhüllen. Ryzl legte Stepanek jeweils eine Hülle mit der Karte vor, und dieser sollte >>erraten<<, welche Seite der Karte - weiß oder schwarz - oben lag. Schon damals achtete Ryzl darauf, dass die Reihenfolge der Zielkarten zufällig war. Stepaneks Trefferrate lag auf Anhieb klar über 50%. Nach einigen Wochen begannen die beiden mit systematischen Versuchen.
 

Über mehr als zehn Jahre hinweg erzielte Stepanek außergewöhnliche
Ergebnisse in ASW-Tests. Die Wahr-scheinlichkeit, dass seine Leistungen auf Zufall beruht, ist äußerst gering. In einem Fall lag sie bei 1 zu 1000 Billionen.

 
Das erste systematische Experiment wurde im Juni 1961 zu Ende geführt. Zu jener Zeit arbeitete Stepanek noch in einem Zustand leichter Hypnose. Ryzls Assistent, der allein in einem verschlossenen Raum arbeitete, nahm zehn Karten und steckte sie in undurchsichtige Hüllen, wobei er nach dem Zufallsprinzip die weiße oder die schwarze Seite oben sein ließ.

Der Assistent gab die Hüllen mit den Karen an Ryzl weiter, der sie schließlich nacheinander Stepanek vorlegte. Dieser durfte jedoch die Hülle weder sehen noch berühren. Er musste sich lediglich für eine der beiden Farben entscheiden. Ryzl notierte jeden Rateversuch. Nachdem Stepanek die zehn Versuche absolviert hatte, wurde deren Ergebnis mit der Liste der Zielkarten verglichen, die der Assistent zusammengestellt hatte. Man muss wohl sagen, dass dieses Experiment äußerst eintönig erscheinen. Die Geduld, mit der Stepanek über so viele Jahre hinweg dieses und ähnliche Experimente über sich ergehen ließ, verdient Bewunderung. Doch so simpel das Experiment auch sein mag, die Ergebnisse waren eindrucksvoll. Beim ersten Experiment wurden 200 Tests zu je zehn Rateversuchen durchgeführt, insgesamt also 2000 Einzelversuche. Da die Chance, richtig zu raten, 50% betrug, hätte man erwarten können, dass Stepanek durch bloßen Zufall 1000 Treffer erreichen würde. Tatsächlich erzielte er aber 1140 Treffer, was eine Trefferrate von mehr als 57% ergibt. Die Antizufallswahrscheinlichkeit liegt bei 1 zu 10 Millionen.

Ryzl strebte jedoch eine höhere Trefferleistung an und entwickelte zu diesem Zweck eine raffinierte Methode. Er ging davon aus, dass Stepanek bei seinen Rateversuchen nur hin und wieder ASW anwendete. Da nicht alle Versuche richtig waren, muss das wohl der Fall gewesen sein. Es scheint sich also sozusagen um ein infrequentes Signal zu handeln. Das Signal scheint nur bei jedem siebten Rateversuch zu kommen, denn Stepanek hat vier von sieben Versuchen richtig geraten, wobei die drei anderen aus sechs Versuchen erzielten Treffer au dem Zufall resultieren. Wenn bei einem von sieben Versuchen ein Signal erfolgt und bei den sechs übrigen Störgeräusche, dann gibt es eine bestimmte Technik, mit deren Hilfe dieses Signal verstärkt werden kann: Stepanek muss immer wieder die gleichen Zielkartenserien raten. Die Signale häufen sich somit und können sich so gegen die Störung besser behaupten.

Diese Technik heißt Majority-vote-Test. Wenn bei einer bestimmten Zielkarte die Versuchsperson siebenmal "schwarz" und dreimal "weiß" angibt, dann ergibt die Stimmenmehrheit "schwarz". Sagt er hingegen "weiß" siebenmal und "schwarz" dreimal, liegt die Mehrheit bei "weiß". Fälle von Stimmungsgleichheit werden nicht mitgerechnet.

Ryzl ließ also seinen Assistenten 100 Karten vorbereiten, die - in zufälliger Reihenfolge - in einem undurchsichtigen Umschlag und einer zusätzlichen Hülle steckten. Diese Sequenz von 100 Karten wurden Stepanek zehnmal hintereinander vorgelegt. Für 93 Zielkarten wurde eine Stimmenmehrheit festgestellt, bei den restlichen sieben entschied sich Stepanek gleich oft für "schwarz" wie für "weiß". Mit dieser Mehrheitstechnik stieg Stepaneks Trefferrate auf 66 von 93, das sind 71%. Die Antizufallswahrscheinlichkeit liegt bei 1 zu 20 Milliarden. Wenn wir hier einmal davon ausgehen, dass Stepanek ASW benützte, um die Zielkarten richtig zu bestimmen, dann lässt die Mehrheitsmethode die Annahme zu, dass ASW bestimmten Gesetzmäßigkeiten folgt. Wenn es eine Art "schwaches Signal" ist, dann sollte die Mehrheitsmethode die Trefferrate erhöhen, was auch geschah. Eine ermutigende Tatsache.

 

Der tschechische Parapsychologe Milan Ryzl entdeckte die erstaunlichen Fähigkeiten Pavel Stepaneks eher zufällig, nachdem dieser bei ersten Hypnose-Experimenten erfolglos geblieben war. Haben Stepaneks Fähigkeiten
Ryzl dazu veranlasst, eineandere Methode zum Nachweis von Psi zu anzuwenden?
Die Resultate bei Ryzls früheren Tests waren so bemerkenswert, dass westliche Wissenschaftler sich bald dafür zu interessieren begannen. Gaither Pratt vom Parapsychologischen Labor der Duke University, North Carolina, besuchte Ryzl 1962 in Prag. Pratt, ein langjähriger Kollege von J. B. Rhine, war selbst ein sehr erfahrender und qualifizierter Forscher. Er studierte Ryzls Methode während einiger kurzer Tests, die eine Trefferleistung von knapp über 50% ergaben. Als Pratt im Jahr darauf wiederkam, war Stepanek in Hochform. Von den 2000 Rateversuchen, die das von Pratt und Ryzl geleitete Experiment umfasste, erzielte Stepanek 1133 Treffer, eine Erfolgsquote von 56,65%. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ergebnis auf Zufall zurückzuführen ist, beträgt 1 zu 10 Millionen.

Zwischen Pratts Besuchen erreichte Stepanek sein bemerkenswertestes Einzelergebnis. Hatte die Mehrheitsmethode mit zehn Versuchen pro Zielkarte schon eine Steigerung der Trefferquote auf 71% bewirkt, so dachte Ryzl nun, mit mehr Rateversuchen eine noch höhere Quote zu erzielen zu können. Er legte Stepanek also eine Serie von 15 Zielkarten Hunderte Male in Folge vor. Als das Experiment zu Ende war, hatte Stepanek jede Karte richtig getroffen, was einem hundertprozentigen Erfolg und einer Antizufallswahrscheinlichkeit von genau 1 zu 32,767 Milliarden entsprach.

Im Verlauf der Experimente bemerkte Ryzl, dass Stepanek sehr konsequent bestimmte Antworten gab, wenn er es mit einem bestimmten Umschlag zu tun hatte. Gab es etwa keine Anhaltspunkte auf den Umschlägen, Flecken oder Kratzer, die ihn ablenkten? Hinderte ihn dieses Konzentrieren auf den Umschlag daran, die Karten darin mit Hilfe von ASW zu erkennen? Um diese Möglichkeit auszuschließen, änderten Ryzl und Pratt die Vorgangsweise. Die Karten wurden wie vorher in Umschläge gesteckt, die ihrerseits jedoch in Kartonhüllen gegeben wurden. Man hoffte, dass Stepanek nun, da er die Umschläge nicht mehr sehen konnte, sich mit Hilfe von ASW wieder erfolgreich auf die Karten konzentrieren würde.

 
Es stellte sich heraus, dass immer noch ein Zusammenhang zwischen den Umschlägen und den von Stepanek getroffenen Entscheidungen bestand, obwohl er sie nicht mehr sehen konnte. Es schien, als würden sich die ASW-Fähigkeiten nun statt der Karten auf die Umschläge konzentrieren. Als die Reihenfolge der Umschläge in einer Serie von Kartonhüllen geändert wurde, waren Stepaneks Entscheidungen immer noch vom jeweiligen Umschlag motiviert. Er glaubte, ASW zu benutzen, um die Karten zu ermitteln, in Wirklichkeit benützte er sie - so hatte es zumindest den Anschein - zur Bestimmung der Umschläge.

Zu dieser Zeit führte Pratt, der bald den Hauptanteil an der Forschungsarbeit mit Stepanek übernahm, eines von zwei Experimenten durch, die seiner Ansicht nach schlüssiges Beweismaterial dafür lieferten, das Stepanek ASW anwendete. Bei diesem Experiment, arbeitete Pratt mit J. G. Blom, einem holländischen Wissenschaftler zusammen.

Blom und Pratt bereiteten 40 Karten vor, die in ebenso vielen Umschlägen steckten. Übrigens waren die Karten nun grün und weiß. Keine der beiden Forscher hätte allein sagen können, welcher Umschlag welche Zielfarbe enthielt. Pratt brachte die Umschläge in eine zufällige Reihenfolge und nahm jeweils acht auf einmal, wobei jeder der Umschläge in einer Kartonhülle steckte. Stepanek bekam diese >>Pakete<<, bestehend aus Karte, Umschlag und Hülle und machte seine Rateversuche in Bloms Anwesenheit. Die beiden Experimentatoren dokumentierten sorgfältig Rateversuche und Zielkarten für jede Sitzung, insgesamt 1000 Rateversuche pro Tag. Nach vier Tagen und 4000 Rateversuchen schien das Ergebnis auf ASW hinzuweisen. Stepanek erzielte 2154 Treffer, das ist mit 53,85% keine sehr hohe Trefferleistung, doch die Wahrscheinlichkeit, dass ein solches Ergebnis durch Zufall zustande kommt, liegt bei nur etwa 1 zu 500.000.
Was die folgenden Jahre betrifft, so sollten auf Zahlen und Statistiken verzichtet werden und zwei wesentliche Gesichtspunkte herausgegriffen werden. Zum einen soll festgehalten werden, dass Stepanek in der Lage war, bei Tests mit Wissenschaftlern aus aller Welt Trefferraten von deutlich mehr als 50% zu erzielen. Was mit Ryzl begonnen hatte, setzte sich mit Pratt, dem ersten unabhängigen Forscher, fort und beschäftigte danach noch eine Reihe anderer. Dies ist ein wichtiger Punkt. Stepanek erzielte mit vielen verschiedenen Forschern Erfolge, was den Wert der Experimente erhöht. Seine Erfolge waren also wiederholbar.

Der zweite bemerkenswerte Gesichtspunkt war, dass sich Stepanek offensichtliche ASW-Fähigkeit völlig von den Karten löste und sich zuerst den Umschlägen und dann den Hüllen zuwendete. Also mussten die Hüllen ihrerseits umhüllt werden. Diese zunehmend umständliche, aber sehr effektive Methode wurde angewendet, als Stepanek im Februar 1968 die Universität von Virginia besuchte, um mit Pratt und Dr. Ian Stevenson sowie mit Dr. Jürgen Keil aus Tasmanien zu arbeiten. Stepanek entschied bei bestimmten Hüllen stets auf "grün" und bei anderen auf "weiß". Außerdem gab es Hüllen, bei denen er die eine Seite "grün", die andere "weiß" sah.

Stepaneks ASW-Fähigkeiten wurden, als sie im Abnehmen waren, immer öfter von Karten, Umschlägen, Hüllen und den großen Pappumschlägen behindert. Trotzdem steht fest, dass dieser bescheidene und zurückhaltende Mann über ein Jahrzehnt hinweg die bemerkenswertesten Ergebnisse in der Geschichte der Parapsychologie erzielte.

 
Überblick über Stepaneks Beste ASW-Leistungen
Experimente
Antizufallswahrscheinlichkeit bei diesen Ergebnissen
   
Zwei Majority-vote-Versuche, Ryzl mit dem Ziel durchgeführt, besonders hohe Trefferraten zu erzielen, indem immer wieder die gleichen Zielkarten geraten wurden. Ergebnisse: 71% richtige Antworten beim ersten Test, 100% richtige beim zweiten.
  1 zu 20.000
1 zu 112 Billionen
     
Zwei Schlüsselexperimete, die der Versuchsleiter Pratt als die aussagekräftigsten ansah, was den Nachweis von ASW betrifft. Das erste wurde im November 1963 zusammen mit J. G. Blom durchgeführt und ergab 2154 Treffer aus 4000 Versuchen. Das zweite fand im Februar 1968 unter der Mitarbeit von Ian Stevenson und Jürgen Keil statt, wobei Stepanek ebenfalls eine beachtliche Trefferleistung erzielte.
  1 zu 500.000
1 zu 10 Millionen
     
Stepanek war besonders erfolgreich, wenn er mit ausländischen Forschern arbeitete. 1963 erzielte er bei einem Test mit holländ ischen Experimentatoren 1216 Treffer, bei nur 832 faschen Antworten. Bei anderen Versuchen mit japanischen, indischen, und holländischen Forschern war er ebenfalls sehr erfolgreich.   1 zu 1000 Billionen
1 zu 1 Million

 
Es ist wohl unbestreitbar, dass angesichts einer so langen Reihe von Versuchen der Zufall als Erklärung ausscheidet. Was es jedoch zu überprüfen gilt, ist, ob es eventuell eine andere vernünftige Erklärung gibt. Die Betonung liegt auf dem Wort "vernünftig", denn theoretisch wäre es ja möglich, das Stepanek und die 16 Experimentatoren, die der Ansicht waren, ASW bei ihm nachgewiesen zu haben, ein Komplott schmiedeten und mit falschen Zahlen an die Öffentlichkeit gingen. Dies wäre wohl alles andere als eine vernünftige Erklärung. Bei einigen der sehr frühen Experimente erscheint es denkbar, dass Stepanek die Karten an ihrer Wärmeausstrahlung "erkannt" haben könnte. Es könnten von der weißen bzw. schwarzen Seite unterschiedliche Wärmemengen durch die Umschläge ausgestrahlt worden sein. Diese Möglichkeit fällt natürlich bei all den Experimenten weg, wo Umschläge und Hüllen verwendet wurden, oder bei denen Stepanek die Umschläge weder berühren noch sehen konnte. Dies ist ein wichtiger Punkt, den der Kritiker, dessen Ansicht wir nun näher betrachten wollen, nicht berücksichtigt hat.

Als Pratt und andere Forscher in Zeitschriften wie Nature oder New Scientist über ihre Versuche mit Stepanek schrieben, stießen sie auf große Skepsis. Im Jahr 1966 veröffentlichte der britische Kritiker C. E. M. Hansel, damals Professor für Psychologie an der Universität Swansea, ein Buch über ASW-Forschung, welches Stepanek ganze 22 Zeilen widmete. Sieben Jahre später korrigierte Pratt schließlich die Irrtümer und falsche Schlüsse, die Hansels Text enthielt. In der Neuauflage von 1980 berichtigte Hansel einige seiner Irrtümer, zum Beispiel die Behauptung, Blom hätte schon früher mit Ryzl gearbeitet, was die Bedeutung der Pratt-Blom-Experimente als unabhängige Tests schmälerte. Andere Punkte hingegen blieben unverändert. So schrieb Hansel zum Beispiel im Jahre 1980: "Ich habe 1965 darauf hingewiesen, dass diese hohen Trefferraten auf bestimmte Veränderungen zurückzuführen sein könnten, die sich im Laufe der Zeit an den Karten bemerkbar machten." Doch genau diese Möglichkeit hatte Pratt sorgfältig untersucht, und schon 1973 berichtete er, wie dieses Problem gelöst worden war. Ebenso wiederholte er seine unrichtige Behauptung, Ryzl wäre Biochemiker am Prager Institut für Biologie, kein schwerwiegender Fehler, doch con einem gewissenhaften Kritiker wäre wohl zu erwarten, dass er offenkundige Fehle korrigiert.
Eine zwar sehr unterhaltsame, aber in einigen wichtigen Punkten doch unzutreffende Kritik verfasste der populärwissenschaftliche Journalist Martin Gardner im Jahr 1989. Pratt war mittlerweile verstorben, und so war es Jürgen Keil, der 1990 auf intelligente Weise Gardners Fehleinschätzungen, was die experimentelle Arbeit betrifft, zurückwies. Außerdem weist Gardner wiederholt auf Anwendungen von Tricks hin, wofür es nie irgendwelche Anhaltspunkte gab.

Nicht alle Skeptiker drücken jedoch eine so ablehnende Haltung aus. Der britische Mathematiker George Medhurst schrieb an Pratt die Worte: "… meiner persönlichen Meinung nach liegt hier wohl ASW vor." Es besteht sehr wohl die Möglichkeit, dass bei einigen von Stepaneks Erfolgen die herkömmlichen Sinne mitgespielt haben könnten, begünstigt z. B. durch Gewichtsunterschiede zwischen den verpackten Karten, durch optisch wahrnehmbare Unterschiede, Wärmeausstrahlung usw. Aber alle diese Möglichkeiten wurden untersucht und in den Experimenten mitberücksichtigt, die Trefferleistungen blieben jedoch unverändert hoch. Eine Kombination all dieser Faktoren Stepaneks über ein Jahrzehnt anhaltenden Erfolg nicht erklären könnte. Die zufällige Anordnung der Zielkarten verhinderte jegliche Vorhersagbarkeit bzw. logische Schlussfolgerungen. Es ist ebenfalls ausgeschlossen, dass die Experimentatoren Stepanek unbewusst Informationen übermittelten, weil sie die Reihenfolgen der Zielkarten gar nicht kannten, sondern sie von dritten Personen vorbereiten ließen. Wenn also kein Betrug im Spiel war, an dem sich zahlreiche Personen beteiligt hätten müssen, dann spricht doch vieles dafür, dass wir es mit ASW zu tun haben.

 

Es gibt noch einen letzten Punkt, der für uns von Interesse ist. Was für ein Mensch war und ist Pavel Stepanek? Man könnte annehmen, dass jemand, der über zehn Jahre hinweg derartig viel Zeit für das Erraten von verdeckten Karten aufwendet, wohl kein gewöhnlicher Mensch ist. Vielen würde es äußerst langweilig erscheinen, ihre Zeit mit einer derartigen Beschäftigung zuzubringen. Stepanek machte es jedoch Spaß, es war sogar so, dass er bei anderen Psi-Tests nie sehr erfolgreich war. Wie erklärt sich das? Persönlichkeitstests, die mit Stepanek durchgeführt wurden, und Aussagen von Menschen, die mit ihm arbeiteten, weisen auf ein bestimmtes Merkmal in seiner Persönlichkeit hin. Stepanek ist ein eher ängstlicher Mensch, der seiner Angst auf ganz bestimmte Weise begegnet, nämlich mit zwanghaften Gewohnheiten und Ritualen. Pratt schrieb dazu: "Sein Leben ist vor allem durch das Bestreben bestimmt, soziale Komplikationen zu vermeiden… Er möchte sein Leben stets so geordnet haben, dass er nie die Kontrolle verliert… Er fürchtet, dass persönliche Verpflichtungen, die sich mit seiner täglichen Routine überschneiden, sein Leben komplizieren könnten, und er hat den starken Wunsch, es so einfach wie möglich zu gestalten ..."

Pratt hob außerdem Stepaneks Pünktlichkeit hervor, ebenso wie seine tiefe Überzeugung, dass der Mensch an sein Wort gebunden sei. Die meisten Psychiater würden hier von einer zwangsneurotischen Persönlichkeit sprechen, die sich vor allem in dem Bedürfnis nach Ordnung, Übersicht und Verlässlichkeit ausdrückt. Die einfachen Kartenexperimente waren ideal für Stepanek, handelte es sich doch um einfache Rituale, die sorgfältig vorbereitet waren und zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten stattfinden. Man kann daraus auch Aufschlüsse über den Zusammenhang zwischen ASW-Fähigkeiten und der Persönlichkeit gewinnen. Es hängt sehr von der Persönlichkeit ab, welche Art Test man bevorzugt. Es mag schon stimmen, dass für die meisten von uns die Kartentests eine äußerst langweilige Prozedur wären, nicht jedoch für Pavel Stepanek, der im Guinnes-Buch der Rekorde immer noch als "der Mensch mit den größten paranormalen Fähigkeiten" verzeichnet ist.