Luzide Träume - Zugang zu unbekannten Dimensionen?
Immer mehr Menschen haben während des Träumens Zugang zu unbekannten Dimensionen. Beweisen diese Träume die Existenz von anderen Realitäten?

   
Zunächst war es ein ganz gewöhnlicher, wirrer Traum wie viele andere auch, die er zuvor schon oft gehabt hatte. Der Autor und Traumforscher Paul Devereux wusste zwar, dass er sich in der Krypta eines ägyptischen Tempels befand, doch was er sah, ähnelte eher einer Tiefgarage! Als er ziellos umherirrte, erblickte er eine offene Tür, hinter der sich ein dunkler Gang erstreckte. Wage-mutig lief er durch die Tür und den Gang entlang und stand urplötzlich in einer sonnigen Land-schaft.

Devereux registrierte einige Gebilde, die in einer Linie standen und eine Art Tunnel bildeten. Da ihm bekannt war, dass ein Tunnel in Träumen häufig eine tiefere Bedeutung hat, sprang er kühn vorwärts und flog mit ausgestreckten Armen durch die Luft. Devereux flog immer schneller, bis er schließlich vom äußersten Ende des Korridors in einen azurblauen Himmel aufstieg. Im selben Augenblick war er hellwach. Doch Devereux befand sich nicht - wie man erwarten sollte - in seinem Bett, sondern in einer anderen Realität.

Das Gefühl des Raumes und der Freiheit waren überwältigend. Devereux wusste, dass dies kein Traum sein konnte, da er in der Lage war seine Bewegungen wie im Wachzustand zu kontrollieren. Er flog bewusst weiter, schwebte über ein paar riesige Bäume und konnte dabei die wachsartige Struktur
 
der Blätter spüren, als er sie berührte. Seine anfänglich freudige Erregung war jetzt jedoch Besorgnis gewichen. Devereux hatte die Befürchtung sich in einer anderen Dimension zu befinden. In einem Anflug von Panik flog er den Weg zurück, den er gekommen war, und versuchte den Punkt wieder zu finden, an dem er in diese geheimnisvolle Welt eingedrungen war.

Schließlich erreichte er einen kleinen Hügel in der Nähe der Stelle, an der er erstmals in diese Realität eingetaucht war. Devereux nahm seinen ganzen Mut zusammen und stürzte sich kopfüber hinein. Nach einem unbeschreiblichen Blackout öffnete er seine Augen und lag sicher in seinem Bett. Für Devereux war dies kein normales Erwachen, sondern der Wechsel von einer Realität in eine andere gewesen.

 
Bewusst Träumen
Der Begriff »luzides Träumen« wurde von dem Psychologen Frederick van Eeden geprägt, der diesen Ausdruck in einem 1913 verfassten Essay erstmals verwendete. Er beschrieb damit einen Zustand, in dem der Träumende im Schlafzu stand völlig bewusst bleibt. In einem luziden Traum fühlt man sich so, als ob man im Traum wach wäre.

Dieser seltsame Bewusstseinszustand wurde von Forschern bereits sehr früh beobachtet. Hier ist Hervey de Saint-Denis, ein einflussreicher französischer Traumforscher des 19. Jahrhunderts, erwähnenswert. Er beo-bachtete seine eigenen Träume sehr eingehend. und lieferte detaillierte Zeichnungen und Beschreibungen der darin vorkommenden Ereignisse.

Aber erst van Eedens Schrift, die in dem 1969 erschienenen Buch "Altered States Consciousness" des Psycho-logen Charles Tart erneut veröffentlicht wurde, sorgte - zumindest teilweise ­für das neu erwachte Interesse am Phänomen des luziden Traumes.

 
Luzider Beweis

Das Werk veranlasste einige Schlafund Traumforscher dazu eine Untersuchung vorzunehmen, obwohl die meisten ihrer Kollegen daran nicht interessiert waren oder diesem Thema mit Misstrauen begegneten. Der britische Forscher Keith Hearne, der an der Hull University mit Alan Worsley arbeitete - einer Testperson mit luziden Träumen - entdeckte 1975 eine Methode, mit der er wissenschaftlich beweisen konnte, dass sich luzide Träume von herkömmlichen Träumen unterscheiden.

Im Verlauf eines normalen Schlafzyklus träumen wir in zeitlichen Intervallen, wobei die Traumperioden am Ende des Schlafzyklus länger werden. Ein Außenstehender kann am Rollen und an den Bewegungen der Augäpfel unter den geschlossenen Lidern erkennen, wann ein Schlafender träumt. Diese Phase nennt man auch die REM-Phase (Rapid-Eye­Movement). Die REM-Phase kann den Eindruck vermitteln, dass der Träumende als Reaktion auf die Ereignisse, die beim Träumen stattfinden, die Augen bewegt.

Während des Traumes treten ebenfalls bestimmte physiologische Veränderungen auf, darunter auch eine Art Lähmung, in deren Verlauf nur Atmung und Augenmuskeln des Träumenden frei funktionieren. Diese physischen Symptome brachten Heame auf die Idee seine Ver-suchsperson so zu präparieren, dass sie im nächsten luziden Traum eine vorher festgelegte Sequenz von Augapfelbewegungen durchführt.

Worsley wurde mit einer elektronischen Monitoranlage verkabelt, mit der das ausschlaggebende Augenbewegungssignal aufgefangen werden konnte. Das auf einen Polygraphen aufgezeichnete Signal erschien als Serie verbundener Linien, die von den Wissenschaftlern entschlüsselt werden konnten. Die Aufzeichnungen zeigten außerdem andere Messungen, die bewiesen, dass Worsley tatsächlich geschlafen hatte, während er die Signale aussandte.

   
Intensives Erlebnis
Das Experiment war bahnbrechend, denn damit war bewiesen, dass eine Person im Schlaf und während eines luziden Traumes mit der Außenwelt kommunizieren konnte.

Stephen La Berge, der Leiter des kalifornischen »Lucidity Institute«, hatte denselben Augensignaltest kurz nach Hearne durchgeführt. Allerdings erfuhren die Forscher erst Jahre später von der Arbeit des jeweils anderen. La Berge glaubte luzide Träume seien in der Lage vielfältige Erfahrungen zu vermitteln, von sexuellen Abenteuern bis hin zu spirituellen Visionen.

In luziden Träumen ist auch Sex eine Realität. Entsprechende Tests zeigten, dass Träumende physiologisch typische Merkmale sexueller Aktivitäten aufweisen, etwa eine stärkere Durchblutung sowie einen schnelleren Atemrhythmus.

 
La Berge machte beim luziden Täumen jedoch auch transzendentale Erfahrungen. Einmal fuhr er im Traum in seinem Sportwagen eine Straße entlang, wobei er durch eine »vibrierende Landschaft« kam. Im Bewusstsein, dass er sich in einem luziden Traum befand, wollte er willentlich das "Höchste« erreichen. Im nächsten Augenblick hob sein Wagen von der Erde ab und steuerte direkt auf die Wolken zu. Dabei erblickte La Berge ein Kreuz auf einem Kirchturm, einen Davidstern sowie andere religiöse Symbole. Sein Aufstieg in die Lüfte führte ihn in ein »mys-tisches Reich: eine unendliche Leere, die von Liebe erfüllt war«. Überwältigt begann er zu singen, was er als »ekstatische Inspiration« beschrieb.

Das große Potenzial der luziden Traumforschung besteht darin, dass dabei möglicherweise eine Antwort auf das Geheimnis des außerkör-perlichen Erlebens zu finden sein könnte. Manche Forscher glauben, dass der Geist oder der Astralkörper während des außerkörperlichen Erlebens den physischen Körper verlässt.
 
Analyse: Geheimer Tunnel

Häufig kündigt die Bewegung durch ein dreidimensionales, tunnelartiges Bild den Beginn eines luziden Traumes an. Die Reise durch einen Tunnel ist auch von Nahtoderfahrungen her bekannt.

Das geträumte Bild kann viele Formen annehmen - gänge, gerade Strassen oder Korridore, aber auch Linien oder Reihen unterschiedlicher gegenstände. Das Tunnelbild soll die Perspektive dees Betreffenden völlig in den Bereich der Halluzination verlagern - anders als im gerin wird dem Bild ein halluzinatorischer Inhalt hinzugefügt.

Nach Meinung kritischer Psychologen wie z. B. Susan Blackmore handelt es sich dabei jedoch um etwas weitaus weniger Fantastisches. Dr. Blackmore ist der Meinung, dass es in diesen Fällen zu einer halluzinatorischen Verlagerung des eigenen Ichs in der Umgebung kommt. Unter solchen Umständen werden die normalen Sinnesmechanismen des Körpers - also Sehvermögen, Gehör und so weiter - von halluzinatorischen Mechanismen im Gehirn überlagert. Dadurch entsteht fälschl­cherweise der Eindruck, der physische Körper würde sich in der Umgebung bewegen.

La Berge berichtet von einer eigenen Erfahrung, als er eines Nachts, während er schlief, aus dem eigenen Körper »herausrollte«. Er konnte se­nen schlafenden Körper beobachten und sich in seinem Schlafzimmer umherbewegen. Dies alles erschien ihm vollkommen natürlich, mit einer ei­zigen Ausnahme: Auf einem Stuhl in der Zimmerecke saß eine Person, von der er genau wusste, dass sie sich zu jener Zeit ganz woanders befand. Außer diesem Detail war alles in seiner Vorstellung eine perfekte Reproduktion des Raumes.

 
Falsches Erwachen

Eine Variante derartiger Traumerlebnisse ist das so genannte »falsche Erwachen«. Dieses Phänomen tritt mitunter bei einem luziden Traum auf, der sich an der Grenze von Schlaf und Erwachen abspielt.

Es existieren Berichte darüber, wie luzid Träumende das absolut realist­sche Gefühl gehabt hatten aufzustehen, sich die Zähne zu putzen, sich anzuziehen und zu frühstücken. Erst später wurde ihnen bewusst, dass sie die ganze Zeit über im Bett gelegen und geschlafen hatten!

Luzide Träume existieren zweifellos. Was sie schwer fassbar macht, ist die Tatsache, dass sie nur subjektiv erlebt werden können. Bis die Wissenschaft eine geeignete Methode zur nachweisbaren Interpretation der jeweiligen Gehirnaktivität gefunden haben wird, verbleibt dieses Phänomen - wie auch der gewöhnliche Traum - in dem Grenzbereich zwischen Realität und Fantasie.